Gelesen

Vergangenen Donnerstag holte ich mir zum ersten Mal seit langem wieder “Die Zeit”. Gelockt hatte mich das beiliegende Foto-Magazin, auf dem Titelbild der junge F. C. Gundlach mit dem Satz “Wie mache ich ein gutes Foto?” Diese Frage quält mich ja auch regelmäßig. Erst vorgestern sah ich alte Dias von 1994 durch, eine Rundreise durch England und Schottland, und war ganz ermattet von den seltsamen Bildern, die ich damals gemacht hatte. Franz Christian Gundlach, wie er mit ganzem Namen heißt, wäre vermutlich ebenfalls nicht begeistert gewesen, hätte er sie im Magazin ab Seite 20 besprochen. Wie das aussieht, kann man auch online nachlesen. Es gibt Überschneidungen mit dem Heft, aber es doppelt sich nur an wenigen Stellen. Sehr schön und anregend ist das Interview mit dem mittlerweile 86jährigen Gundlach. Es liest sich, als würde ein weit jüngerer Mann uns etwas über seine Lieblings-Fotografien erzählen.
Mindestens genauso gelungen ist das Kapitel “Unsere Lichtgestalten”: Fotografen des Zeitmagazins stellen eigene Fotos vor und erläutern kurz, wie sie entstanden sind. Davon hätte ich gerne mehr gehabt. Mon dieu, ich wusste nicht, dass Gérard Depardieu so fett geworden ist, wie auf dem Bild von Jonas Unger.
Anfänger finden gute, wenn auch etwas knapp zusammengefasste Tipps in der kleinen Fotoschule; die unvermeidliche Seite mit dem Kamerakaufempfehlungen hätte sich “Die Zeit” meiner Meinung nach sparen können. Wie die Auswahl – von jeder Geräteklasse genau ein(!) Modell – zustande kam, würde mich schon interessieren. In rund 80 Zeilen kommt wenigstens der Hinweis, auch nach Auslaufmodellen Ausschau zu halten. Aber warum nicht auch nach gebrauchten Kameras?
Aber sei’s drum. Das Magazin lohnt sich schon wegen der guten Fotos, und zum Preis von 4,50 Euro bekommen die Leserauch einen dicken Packen Wochenzeitung dazu. Also schnell zum Kiosk, ich glaube am 16. Mai ist diese Ausgabe dann verschwunden. Übrigens: passend dazu gibt es auf Zeit online eine Themenwoche.
Gewonnen (und natürlich auch angeschaut)

Sehr gefreut habe ich mich über ein Fotobuch, das ich mir am Samstag von der Post abholte. “Ästhetik des Aufgebens” von Sebastian Weise zeigt auf 96 Seiten leere Wohnungen, Schneewehen in durchgebrochen Dachgeschossen, brüchige Spuren der Bewohner in den abgewrackten Räumen. Den Bildband entdeckt hatte ich auf der Webseite von Bildwerk3 – beim Betrachten der Fotos bekam ich einen regelrechten Vergangenheitsflash. Die Szenen erinnerten mich so sehr an die verlassenen Häuser Leipzigs. Ich hatte beim Durchklicken der Fotos sofort wieder diesen Geruch in der Nase: nach Moder und Verfall, nach Verlassenheit und DDR-Bodenbelägen. Weil Bildwerk3 das Buch unter allen Kommentierenden verloste, schrieb ich einfach hin, was mir durch den Kopf ging:
“Die verlassenen Wohnungen in den morsch gewordenen Gründerzeithäusern, die ich in meiner Leipziger Zeit vor 20 Jahren sah, waren voller nutzlos gewordener Dinge. Zurückgelassen von Bewohnern, die über Nacht in wilder Flucht verschwunden schienen.”
Wie ihr seht, wurde mein Kommentar ausgewählt. Vielen Dank nochmal an Marko Radloff von Bildwerk3 und an den Mitteldeutschen Verlag in Halle/Saale, wo der sehr sorgfältig gestaltete Band erschienen ist. Bildwerk3 verlost übrigens jede Woche ein Fotobuch von wechselnden Verlagen, immer freitags wird ein neues Werk vorgestellt. Es lohnt sich jedoch die Seite auch wegen der spannenden Fotografinnen und Fotografen, die Radloff und seine Mitschreiber/-innen ständig vorstellen, öfter zu besuchen.