Montag, 20. Juli 2015

NaPoBloMo Folge 17-20: Ein Ausflug nach Leipzig. Oder nach „Hypezig“?


Es waren dreizehn Jahre, die ich in Leipzig gelebt habe. Es war eine wunderbare Zeit, vor allem am Anfang, 1994, bis in die frühen Nullerjahre. Eine Stadt, in der so viel passierte, obwohl oder gerade weil sie so kaputt war.

Dann, fast unmerklich passierte es, schien die Luft raus diesem wilden Pleiße-Ort, Müdigkeit schlich sich ein. Vielleicht lag es auch daran, dass mein Studium vorbei war, fast alle lieben, coolen, spannenden, anregenden Menschen, die Leipzig während unseres Studiums mit zu diesem prickelnden Ort gemacht hatten, weg waren. Das Studium beendet, in die Welt aufgebrochen, um zu arbeiten, weiter zu studieren, zu verschwinden, irgendwo zu heiraten und Kinder zu kriegen, in Dresden zu stranden, was auch immer. Dann ging ich auch fort, um aber etwa einmal im Jahr aus Beingründen vorbeizuschauen und so konnte ich dem alten Leipzig zusehen, wie es sich herausputzte, im Zeitraffer quasi.

Leipzig, Georg-Schwarz-Straße,Hypezig
Leipzig-Leutzsch, Georg Schwarz-Straße.  1994 oder 2015? Stimmt, es ist 2015


Manche Sachen bekommt man aber doch nicht mit. So hörte ich vergangenes Jahr, es hieße nicht mehr Leipzig sondern Hypezig, und musste im Handelblatt, dem Zentralorgan des internationalen Partywesens, lesen „Hypezig: Leipzig mutiert zur Szenemetropole“.  Aha, die Stadt brummt also, dachte ich mir, da ist wieder Leben in der Bude, dem muss ich auf den Grund gehen, dachte ich.

Heute war ich wieder in Sachen Bein in der Stadt und als mein Termin geschafft war, nahm ich die Bimmel Nummer 7 Richtung Böhlitz-Ehrenberg und stieg am Diakonissenkrankenhaus an der Georg-Schwarz-Straße aus, dort wo ich etwa zwei drei Jahre in einem Eckhaus über einem verlassenen Zweithaarstudio (so stand das am verwaisten Schaufenster) gewohnt hatte. Die Ecke – nicht mehr Lindenau, noch nicht Leutzsch –  war damals ziemlich gruselig: Leere Läden, vernagelte Schaufenster, billige Imbisse, Bierschwemmen, jede Menge Leerstand. Aber das Wohnen war günstig, es gb eine Zentralheizung und trockene Wände, dafür stand die Dusche in der Küche und über mir trappelten im Zwischenboden die Mäuse.

Leipzig, Georg-Schwarz-Straße, Hypezig
Minimarkt
Leipzig Georg-Schwarz-Straße
Ich ging heute also das Stück Georg-Schwarz-Straße bis zur Merseburger und Lützner Straße, die Lindenau und Plagwitz voneinander trennt, nur um mal zu gucken, wie sich mein altes Viertel in den letzten Jahren so rausgeputzt hat. Insgesamt waren das vielleicht 800 Meter Fußweg, die Entfernung zwischen zwei Straßenbahnhaltestellen.  Ein tolles Buchantiquariat hat aufgemacht, ein Wächterhaus gibt es auch, und hinter dem einen oder anderen Schaufenster stellten Künstler aus.
Imbiss Leipzig, Georg-Schwarz-Straße, Hypezig
Vietnamimbiss
Leipzig, Georg-Schwarz-Straße


Ansonsten: Leere Läden, Bierschwemmen, billige Imbisse, vernagelte Schaufenster, zugetagte Fassaden. Keine Graffiti. Wenn Leipzig wirklich hyped, dann bestimmt nicht hier, an den Ausfallstraßen in die westliche Peripherie.

Ein Post im Rahmen der NaBloPoMo–Reihe: Die Idee: Im Juli an jedem Tag ein Blogbeitrag.

Casino Leipzig, Georg-Schwarz-Straße, Hypezig
Casino (außer Betrieb)
Leipzig, Georg-Schwarz-Straße

Galaxy Bar Leipzig, Georg-Schwarz-Straße, Hypezig
Galaxy Bar
Leipzig, Georg-Schwarz-Straße

Fleischerei Leipzig, Georg-Schwarz-Straße, Hypezig
Fleischerei
Leipzig, Georg-Schwarz-Straße

Blumenladen  Leipzig, Georg-Schwarz-Straße, Hypezig
Blumenladen
Leipzig, Georg-Schwarz-Straße


Zoofachgeschäft  Leipzig, Georg-Schwarz-Straße, Hypepzig
Zoofachgeschäft
Leipzig, Georg-Schwarz-Straße


Grillsnack, Leipzig, Georg-Schwarz-Straße, Hypezig
Grillsnack
Leipzig, Georg-Schwarz-Straße


Restaurant, Leipzig, Georg-Schwarz-Straße/Merseburger Straße, Hypezig
Restaurant
Leipzig, Georg-Schwarz-Straße/Merseburger Straße

Minishop neMinishop neben alternativem Fahrradladen, Leipzig, Merseburger Straße, Hypezig
Minishop neben alternativem Fahrradladen
Leipzig, Merseburger Straße



Restaurant, Leipzig, Merseburger Straße, Hypezig
Restaurant
Leipzig, Merseburger Straße

Kaufhaus Karstadt (geschlossen seit ca. 1996) Leipzig, Merseburger Straße, Hypezig
Kaufhaus Karstadt (geschlossen seit ca. 1996)Leipzig, Merseburger Straße
Leeres Geschäfts- und Wohnhaus, Leipzig, Merseburger Straße/Lützener Straße, Hypezig
Leipzig, Merseburger Straße/Lützener Straße

Donnerstag, 16. Juli 2015

NaPoBloMo Folge 14-16: Zäsur mit Traumhaus

Heute lasse ich die Cadolzburg einfach Burg sein und nehme mir stattdessen die aktuelle Frage #16 vom Makellosmag vor:
„Wie sähe dein Traumhaus aus, wenn du eines hast.“
Traumhaus
Traumhaus? Eher nicht.
Traumhäuser. Sind das nicht diese Einfamilienschachteln, die sich dichtgedrängt und durcheinandergewürfelt in deutschen Vorstadtsiedlungen drängeln? Meist zweistöckige Häuschen – Parterre und Obergeschoß – mit Carport für zwei Autos, bunt glasierten Dachziegeln, garniert mit Krüppelwalm, Erkerchen und multigonalen Ausluchten, Dreiecksgucklöchern im Giebel, Scheinmansarden und alpenländisch anmutenden Balkonen in der norddeutschen Tiefebene oder auf dem fränkischen Acker. Eingerahmt von Tujenhecken, falschen Granitmäuerchen, dazwischen malerische Stichstraßen mit Verbundpflaster und Cotoneaster-Rabatten, verkehrsberuhigt und menschenleer. Solche Häuschen sehe ich immer auf Prospekten, manchmal auch auf Plakaten in Bus und Bahn, die mich anschreien: „Wir bauen ihr Traumhaus“.

Traumhaus. Das kann auch Albtraum bedeuten. Ich bin stolzer Teilerbe eines Mehrfamilienhauses, das meine Eltern sich buchstäblich vom Mund abgespart haben. Ein Haus zu haben, bedeutet für mich vor allem Arbeit, Pflichten und Geld ausgeben, immer wieder, ohne dass jemals ein Ende in Sicht wäre. Weil das Dach neu gedeckt werden muss, die Heizung kaputt ist, die Fassade eine Wärmedämmung braucht. Und schon wieder ist die Heizung hinüber (haben wir die nicht erst vor 5 Jahren ausgetauscht?), die Fassade braucht einen Anstrich und dann rosten die Trinkwasserrohre durch und machen nasse Flecken an der Wand. Hat man die aufgestemmten Wände endlich getrocknet, zugemauert und verputzt, sind neue Fenster fällig und der Papa hat schlimm Rücken von den ganzen langen Jahren, die er im und am Haus geschuftet hat.

Ja, so ein Haus ist schon eine feine Sache... ein Traumhaus ist es, wenn man so viel Geld hat, dass einem die ewige Instandhaltung nicht weh tut, jemand den Garten pflegt und die Flächen putzt, sich um Versicherungen kümmert. Und wenn das Traumhaus nicht mehr den geträumten oder realen Anforderungen entspricht, dann verscherbelt man den Kasten und baut sich ein neues, nein: lässt eins bauen, selbstverständlich vom Architekten seiner Wahl, weil man nicht auf den Euro schauen muss. Das wäre doch ein Traum.

Ein Post im Rahmen der NaBloPoMo–Reihe: Die Idee: Im Juli an jedem Tag ein Blogbeitrag.

Montag, 13. Juli 2015

NaPoBloMo Folge 13: Wir schleichen aufs Hauptor zu

Montag, der Dreizehnte. Wird das Datum in die Geschichte eingehen? Griechenland geknechtet, Philipp Mißfelder mit 35 an Lungenembolie gestorben und Gerhard Zwerenz, auf Fotos ewig schlecht gelaunt wirkender Autor und Ex-Bundestagsabgeordeter, ist ebenfalls tot. Am Tag bevor die erste menschengemachte Sonde am Pluto vorbeifliegen wird. Ob Außerirdische bereits vorbeigeschaut haben, wissen wir nicht, aber warum sollten sie.

Was hat das alles miteinander zu tun? Genau, nichts. Fast nichts. Außer, dass das im hier und heute passiert und ich doch hier angetreten bin, ein bisschen Architektur aus der Vergangenheit zu zeigen. Ich erinnere an die vorigen Folgen unserer Burg-Annäherung: Burg von weitem, dann stehen wir vor dem äußeren Tor, bewundern den rassistischen (und durchaus noch lebendigen) Geist des Mittelalters und jetzt, endlich, gehen wir durch das äußere Tor und stehen in der Vorburg. Der Blick ist frei auf den Kernbau der Cadolzburg.

Cadolzburg Hauptburg
Zufällig entstand dieses Bild im März.... Die Hauptburg
Links ist die Ringmauer aus dem 13. Jahrhundert und das Haupttor mit dem einzigen Turm zu sehen.  Die Burg wurde über Jahrhunderte bewohnt, die zollerschen Besitzer ging auch archektonisch mit der Mode und ließen den Westflügel im Renaissancestil umbauen. Irgendwann möchte man ja auch ein bisschen Licht reinlassen und nicht nur immer durch zugige Schießscharten und Wehrgänge auf die Welt da draußen gucken. Da die Burg auf einem mächtigen Sandsteinfelsen steht, der durch einen tiefen Halsgraben von der Vorburg getrennt ist, bot auch der Schlossbau – er heißt tatsächlich „Neues Schloss“ – den Bewohnern guten Schutz. Denn auch in der frühen Neuzeit ging es bisweilen rauh und gewalttätig zu. Glücklich, wer die Tür hinter sich zuschließen und das Übel aussperren kann.

Fotografisch ist das obige Bild kein Ruhmesblatt. Wie ich im Eingangsartikel schon schrieb, entstanden die Fotos über die Jahre eher zufällig und ohne Plan.Was man sieht, wenn wir uns jetzt dem nach Süden ausgerichteten Haupttor nähert.

Gerade noch düsters Schmuddelwetter, jetzt schönster Sonnenschein...

Das entstand am Tag zuvor, und ich hatte kein Bild von der Schloss-Seite gemacht – aus Trägheit, Ideenlosigkeit oder weil die Renaissancegiebel im Schatten lagen. So genau weiß ich das auch nicht mehr. Aber gehen wir näher ran,

Es ist ein sehr interessantes Burgtor. Sehr repräsentativ, wehrhaft, wuchtig. Das Bossenmauerwerk war in der Hochzeit des Burgenbaues der letzte Schrei (teuer!), zwei vorkragende Scharwachtecker geben dem Tor quasi ein Gesicht und Türmchen sind natürlich auch ein strukturierendes, gliederndes militärisches Element an der Fassade. Verschiedene Mauerlöcher lassen erahnen, dass hier die notwendigen Vorrichtungen für eine Zugbrücke Platz hatten.

Die Tür ist zum Burghof ist offen.
Ob es eine Zugbrücke gab, kann ich nur raten. Obwohl die Cadolzburg mit ihrer Masse den ganzen Ort beherrscht, es die einzige Dynastenburg weit und breit ist, die einzige Burg im Landkreis Fürth, jahrhunderte Sitz der fränkischen Zollern, später Kurfürsten von Brandenburg, später Könige in Preußen, Kaiser und so, habe ich zu diesem Bau keine ausführliche Baugeschichte gefunden. Keine genauere  Beschreibung der einzelnen Baugruppen gefunden, keine Zeichung des Grundrisses, keine archäologischen Infos. Gibt es so was? Es ist doch eigenartig, dass so ein hervorragendes Bauwerk über Jahrzehnte so stiefmütterlich behandelt, ja geradezu vernachlässigt wurde.

Eigentlich kein Wunder, dass meine Eltern mit mir nicht zur Burg fahren wollten, sonst interessierte sich ja auch niemand dafür. Und je länger ich mich damit beschäftige, desto seltsamer kommt mir die dünne Informationslage vor. Ich muss wohl doch in ein paar Bibliothekskatalogen stöbern. 

Ein Post im Rahmen der NaBloPoMo–Reihe: Die Idee: Im Juli an jedem Tag ein Blogbeitrag.