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Lesetipp: Das Wesen der Fotografie

Stephen Shore Nature of Photographs

Über Stephen Shore und seine Bilderwelten stolperte ich das erste Mal, als ich in unserer kleinen Fotogruppe das Foto einer öden Leipziger Landschaft zeigte. S. kratzte sich am Kopf. “Wenn dir so was gefällt, musst du dir Uncommon Places von Shore ansehen”, sagte er und gab es mir zum Durchblättern. Ein gutes Buch.

Weil ich mir aber Namen so furchtbar schlecht merken kann, hatte ich den Autor längst vergessen, als mir Monate später beim Stöbern in der Kunstbuchhandlung um die Ecke The Nature of Photographs in die Hände kam. Nach einmal Durchblättern, und das passiert mir selten, marschierte ich damit zur Kasse.

Das hochwertig gedruckte  und fadengeheftete Werk hat den Untertitel “A Primer”, in der deutschen Übersetzung wurde daraus Das Wesen der Fotografie - Ein Elementarbuch. Im Nachwort erfährt man, dass es aus dem Lehrmaterial für einen Kurs am Bard-College entstand.  Es vermittelt über die Bildanalyse ein elementares Verständnis für die Fotografie. Sanft aber bestimmt führt uns der Autor durch seine Bilderwelt und wenn man ihm einfach folgt, hat man am Ende der fast 140 Seiten ein gutes Gefühl dafür, was eine Fotografie ist und wie und warum sie als Medium funktioniert. Deshalb erfahren wir so gut wie nichts über Fototechnik, weder interpretiert Shore die 60 Schwarzweiß- und  26 Farbbilder, noch bewertet er sie künstlerisch oder handwerklich.

“The aim of this book is (…) to describe physical and formal attributes of a photographic print" und genauso fängt der Autor an und guckt mit uns Bilder an. Ganz viele, ganz intensiv. Wenn wir endlich verstanden haben, welche Eigenschaften  ein Foto hat (flach, unbewegt, eine abgegrenzte Szenerie), kommen wir zur Meta-Ebene: dem Depicitive Level und dem Mental Space. Ich würde es die Seele der Bilder nennen, der Anteil, der aus den Absichten und der Persönlichkeit des Fotografen entsteht. Denn sind wir uns als Fotografierende auch dessen nicht bewusst, so transformieren wir die bewegte, grenzenlose dreidimensionale Welt vor der Linse in ein Kunstprodukt, das viel mit uns selbst zu tun hat.

Stephen Shore Nature of Photographs Innenteil

Mit jedem Druck auf den Auslöser friert die Kamera Zeit und Bewegung ein und materialisiert sie in einem scharf abgegrenzten zweidimensionalen Ausschnitt (Frame). Und doch: jedes Bild, diese flache Ansammlung von Pigmenten auf dem Bildschirm oder einem Stück Papier ist potentiell mehr als nur ein pures Abbild der Wirklichkeit – und im Idealfall sehen wir vor uns “a seductive  illusion or a moment of truth and beauty” (S. 122).

Wer mehr wissen möchte über die magischen Momente, sollte sich die englische Paperback-Ausgabe kaufen. Denn die Texte sind kurz und leicht verständlich und die britische Ausgabe kostet 19,90 Euro (bei Amazon noch ein bisschen weniger) und damit die Hälfte der deutschen Übersetzung. Die gibt es nur als gebundene Ausgabe – aber mir sind ehrlich gesagt gute Bilder wichtiger als ein fester Buchdeckel.

Fazit: Ein zeitloses Buch über die Seele der Fotografie, ohne Kunstwissenschaftlergequatsche und Technikgeschwurbel.

Das meinen andere dazu:

Rezension auf fotomonat.de
Interview mit Stephen Shore auf viceland.com
tageszeitung: "Unser Leitmedium"
ttt zu Stephen Shore

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