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Lesetipp: Immer schön von den Meistern klauen

Reclamband Meisterwerke  der Fotografie auf Bücherstapel

“Wie macht man eigentlich ein gutes Foto?” Eine interessante Frage, wenn man weiß, was “gut” tatsächlich meint.  Gefragt hat das nämlich ein Bekannter, der sich bestens mit den technischen Details der Fotografie – Belichtung,  Farbtreue, Kontrastumfang – auskennt. Seine Bilder sind farblich brillant, die Schärfe ist überragend, dafür sorgt auch seine Digitalkamera, gebaut in Deutschland und ausgestattet mit Kleinbildsensor und Spitzenoptik.  Und dennoch findet er offenbar seine Bilder nicht “gut”.

Weshalb also saugt das eine Foto unseren Blick richtiggehend an, während wir ein anderes, vom Motiv durchaus ähnliches, achtlos beiseite legen? Obwohl es uns doch mit leuchtenden Farben und  scharf gezeichnet anstrahlt . Die “richtige” Frage wäre also gewesen: Warum empfinden wir ein Foto als gut – obwohl es möglicherweise sogar unscharf, unterbelichtet oder farbstichig ist? 

Dem auf die Spur zu kommen, hilft nur eins: Viele gute Bilder ansehen und darüber reden – und/oder lesen, was kluge Menschen sich dazu gedacht und aufgeschrieben haben.

Leider sind Fotobücher irre teuer, aber manchmal findet man für verhältnismäßig wenig Geld kleine Perlen. Eine solche haben Bernd Stiegler und Felix Thürlemann zusammengestellt. Für ihre Meisterwerke der Fotografie wählten die beiden 150 “durchweg prägnante wie bemerkenswerte Beispiele einer visuellen Entdeckerlust” (S. 16) aus 200 Jahren Fotografiegeschichte aus. Viele davon kannte ich noch nicht und tatsächlich haben einige “selbst (…) in der fotografisch-historischen Forschung bisher kaum Beachtung gefunden.” (S. 17)

Jedem Bild stellen die Autoren ein Kurzessay zur Seite. So vielfältig wie die meist hochformatigen Fotos sind auch die Texte. Dabei gelingt es den beiden  Professoren Stiegler (Literaturwissenschaft) und Thürlemann (Kunstwissenschaft) in den wenigen Zeilen das Besondere des jeweiligen Bildes herauszuarbeiten, spritzig, aber nie platt. Das ist unterhaltsam und gelingt ohne kryptischen Wissenschaftsjargon.

Meisterwerke der Fotografie aufgeschlagen. Foto von Guillaume Duchenne de Boulogne: Entsetzten vermischt mit Schmerz , Tortur

Unbedingt empfehlenswert! Für elf Euro, so viel kostet das Bändchen, erhält man eine Menge Bild (auch farbig!) und Text auf über 330 Seiten, Register inklusive.

Passt auch in die Jacken- oder Handtaschen. Vorsicht bei der Lektüre in Öffentlichen Verkehrsmitteln oder im Wartezimmer: manche Bilder könnten zartbesaitete MitfahrerInnen ernsthaft verschrecken. 

B. Stiegler/F. Thürlemann: Meisterwerke der Fotografie. Reclam Universal-Bibliothek 2011, 11€

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