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Aus meiner Archivkiste: Karpfenernte

Der November hat einige unerfreuliche Eigenschaften: er dreht allmählich das Licht herunter, umwölkt uns mit Nebel und Niesel und peitscht uns seine Sturmböen ins Gesicht. In meiner fränkischen Heimat ist das nicht anders, doch besitzt dieser böse Monat dort auch seine guten Seiten. Die immer länger werdenden dunklen Abende eignen sich vorzüglich für ausgiebige Wirtshausbesuche. Dort lässt sich die beginnende Wintermelancholie mit einem frischen Spiegelkarpfen und zwei bis drei Halben vom guten Hellen und Gesprächen mit bis dato völlig unbekannten Menschen trefflich abpolstern.
Die Monate mit “R” sind Karpfenzeit und überall zwischen Aisch, Zenn, Bibert gibt es die fränkische Variante des köstlichen Friedfisches. Hochrückig ist er, nur wenige großen Schuppen schillern am Rückgrat, der Bauch changiert von Cremeweiß ins Messinggelbe, zum Rücken hin geht die glatte schleimige Haut ins Moosige bis Graugrüne über. Wenn der Weiher was taugt und der Fischbauer sein Geschäft versteht (und das tun viele), die Wirtin den Fisch mit Liebe zubereitet, dann, hat man ein Tier mit festem weißen Fleisch mit farbigen Einsprengseln auf dem Teller. Der Geschmack: leicht nussig, mild, keinesfalls fischig oder gar gar schlammig. Es ist ein Karpfen, wie man ihn außerhalb Frankens nicht bekommt (behaupte ich…).
beim Abfischen
Und so werde ich dieses Jahr im November, an einem trüb-nebligen Tag, hoffentlich dabei sein, wenn Herr B. wie jedes Jahr den großen Fischweiher ablässt. Bald sammeln sich hunderte dreijährige Karpfen in den übrigen Pfützen und warten darauf, wie reife Pflaumen aufgesammelt zu werden. Ein paar Fische werden sofort geschlachtet und den Helfern serviert – frittiert, mit Kartoffelsalat. Der große Rest landet, bevor ihm die Luft ausgeht, in Becken und Tanks. In den nächsten Wochen und Monaten werden die eineinhalb Kilo schweren Fische an die Gastwirte verkauft, um meist halbiert und gebacken oder als Filet verspeist zu werden.
Abgefischt
Manchmal findet sich in dem gelbgrünen Gewimmel ein auch blinder Passagier, eingeschleppt mit der Karpfenbrut oder von Vögeln. Vielleicht hat ihn auch ein  Aquarianer ausgesetzt, wollte ein bisschen Farbe in die fränkischen Teiche bringen. Der goldene Glücksbringer, ein großer Koi, darf weiterleben und der nächsten Generation Spiegelkarpfen in ihrem dritten Jahr Gesellschaft leisten. So lange bis er an Altersschwäche stirbt, dem Kormoran oder einer Krankheit zum Opfer fällt.
Frau mit Koi
Nach der Ernte
Karpfenernte in Mittelfranken, 1993
Canon EOS 1, 28-70/f2.8; Kodak Tri-X (ISO 400)

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