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Spielzeug für Sonderlinge: Neues Leben für alte Knipsen

Die Digitaltechnik hat die Fotografie demokratisiert. Wo man hinschaut in Berlin: irgendjemand drückt immer ab, mit Handy, Kompaktknipse oder Spiegelreflex. Gibt es außer Waschmaschinen und Nasenhaarschneidern eigentlich noch Elektronik ohne Kamera?

Dass ich mich mit dem Netbook ablichten kann, auf dem ich diese Zeilen tippe, ist nicht weiter erwähnenswert. Sogar der Bundestrojaner bedient sich dieser Ausstattung, wie wir jetzt wissen.

Früher, das heißt vor fünf, sechs Jahren, wurde man noch raunend gefragt, ob man denn nun schon „digital“ oder immer noch mit Film fotografiere. Mittlerweile fragt das niemand mehr: Wer von Fotografie spricht, meint digital und Menschen, die noch Filme einlegen, können nur fortschrittsverweigernde Sonderlinge sein oder schlichtweg zu alt, um sich sich mit der „neuen“ Technik noch anzufreunden.

Mit dem Plastikbomber auf die Pirsch

Magie des Papierbildes?
Oder doch nur bunte
Müllberge aus
dem Schuhkarton?
Dritte Möglichkeit: man ist jung und hip und will irgendwie anders sein als die knipsende Plebs mit Handy oder 169 Euro Canikopanony (womit man doch wieder zur ersten Gruppe der Sonderlinge gehört) und „echte Bilder“ machen. Auf Film. Dann geht man auf keinen Fall mit der alten Canon AE-1 aus Papis Kleiderschrank auf Pirsch. Die Ergebnisse wären wegen der guten Optiken zu wenig künstlerisch. Möchte man/frau dann mit teurem 120er-Rollfilm arbeiten, wird etwas ganz Besonderes geholt: ein chinesischer Plastikbomber der Marke Holga.

Für 65 Euro gibt es den Zufall dazu

Noch nie davon gehört? Ein klobiges schwarzes Teil billigster Machart aus 100 Prozent Polywasweißich und genau einer Verschlusszeit, kombiniert mit einem Billigobjektiv, das zwei Arbeitsblenden und krasse Abbildungsfehler, Abschattungen, Farbsäume und Verzerrungen bietet.  In den Touristenfallen von Berlin-Mitte zahlt man 65 Euro für das Standardmodell, per Versand gibt es die Kamera auch für weniger. Für das gleiche Geld werden aber seit Jahren komplette Fotoausrüstungen auf dem Gebrauchtmarkt verhökert. Wer also nicht hip sein muss (so wie ich) findet geradezu Tränen treibend günstig alte Kameras zum Spielen mit Kleinbildfilm.

Viel Foto für wenig Geld. Wenn es kein Spitzenmodell sein soll...

Bei 38 Euro plus 6,80 Euro Verpackung und Versand endete die Auktion bei einer bekannten Internetverramscherplattform, drei Tage später brachte mir der Briefträger eine Kleinbild-Spiegelreflexkamera ins Haus. Für den Preis bekommt man heute kein Auto vollgetankt. Ich aber packte staunend eine analoge Kameraausrüstung aus, die weit über das hinausging, was mein Vater als Hobbyist mit kleinem Geldbeutel sich in 20 Jahren Fotografie geleistet hatte. Denn zum Gehäuse gab es noch drei Objektive (28/F2,5, 135/F2,8 und 70-210/f3,5-5,6), einen 2x-Telekonverter und ein Blitzgerät Leitzahl 32. Dazu Ersatzbatterien, ein Gelbfilter und ein Kleinbildfilm 200 ISO. Pro Zubehörstück sind das keine sechs Euro.

Papa hätte sich die Finger danach abgeleckt

Eigentlich wollte ich nur ein günstiges Telezoom zum Testen für meine digitale Pentax. Sollte es sich als Schrott herausstellen, wäre der Verlust nicht allzu groß gewesen. Ich hätte mich kurz geärgert, es weg geworfen und die brauchbaren Teile einfach online für ein paar Euro weiter verkauft. Doch die Geräte waren tadellos in Schuss. Die Objektive mit soliden Metallbodies fast ohne Gebrauchsspuren, die Linsen blitzeblank, die Beschichtung ohne Fehl. Es sind keine Spitzenobjektive, günstige Kaufhausware für den Hobbyknipser der 80er-Jahre.

Sigma hat früher auch nicht so gute Objektive gebaut. Sieht wertig aus, isses aber nicht.

Die Batterien der Pentax P30N waren sogar noch in Ordnung, ich konnte mit der Neuerwerbung also gleich loslegen. Nur der Kameragurt (als Ersatzteil nur überteuert zu haben) fehlte, im Fundus fand sich aber noch ein altes Exemplar von Canon. Puristen werden die Nase rümpfen, der Knipse ist die Marke des Riemens aber definitiv wurscht. Seitdem ist die kleine Pentax mit ihrer Zeitautomatik, dem leisen Verschluss und genialen Filmeinfädelsystem häufig meine Begleiterin, wenn ich Lust auf Film habe. Ach ja. Mit den Sigma-Zoom knipste ich einige Zeit an der K100D, aber brauchbare Aufnahmen lieferte es erst ab Blende 8, außerdem neigte meine Pentax K100D damit unberechenbar zum Überbelichten und eigenartigen Lichteffekten. Fast wie die Holga. Ich habe es für 20 Euro per Kleinanzeige im Internet verkauft.

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