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Unterwegs: Das Foto aus dem Fenster

Was macht Ihr eigentlich, wenn Ihr im Zug unterwegs seid? Die Mehrzahl der Leute guckt aus dem Fenster, liest, döst, unterhält sich, hört Musik oder sieht sich Filme auf dem Notebook an. Manche versuchen auch zu arbeiten. Aber kaum jemand fotografiert die vorbeirauschende Landschaft. Was soll daran auch spannend sein – an Feldern, Wäldern und Wiesen, an Hochspannungsleitungen und Landstraßen, verfallenden Bahnhofsgebäuden und Reihenhaussiedlungen in den Vororten der Städte?

Zugegeben, spektakulär ist das in der Regel nicht, was da zu sehen ist. Aber seit meinem Fotoworkshop im Sommer 2010 hat das für mich einen gewissen Reiz, der mich nicht mehr los lässt. Denn man fotografiert aus einem abgeschotteten Innenraum eine bewegte Welt, die lautlos in einem irren Tempo an einem vorbeirauscht. Auch wenn die Kamera aufnahmebereit ist, so spielt der Zufall doch die größte Rolle für das Ergebnis. Denn kaum ahnt man das Motiv, ist es schon wieder aus dem Blick verschwunden, die Lichtverhältnisse ändern sich manchmal mit jeder Kurve des Schienenstrangs.

Eine Wiederholung ist unmöglich. Wenn Blende oder Zeit nicht passen – Pech gehabt. So wird die Landschaftsaufnahme, die normalerweise eher zu den bedächtigen fotografischen Metiers gehört, zur Schnappschussdisziplin. Nicht zu vergessen, dass wir zwischen Motiv und Objektiv noch eine Fensterscheibe haben. Lichtreflexe, Schmutz, Regentropfen, Spiegelungen – alles das ist auf dem Foto zu sehen, oft erst auf den zweiten oder dritten Blick und nicht retuschierbar. Diese Elemente müssen also Teil des Bildkonzeptes sein. Das Bild zeigt somit nicht nur das Motiv an sich, sondern versetzt den Betrachter virtuell in den Innenraum des Zuges. Sie/Er nimmt also stellvertretend den Sitz des Fotografen mit ein und blickt mit ihm durchs Fenster.

Seit etwa einem Jahr fotografiere ich nun bei fast jeder längeren Bahnfahrt. Daraus entwickelt sich gerade eine kleine Serie, die ich Stück für Stück um Aufnahmen ergänzen werde. Am Ende soll eine Reihe von zwölf Fotos stehen. Mit diesem hier fange ich an.

Samsung EX1, 1/30, f6.7, ISO 80

Kommentare

  1. Im Zug gucke ich eigentlich auch immer raus - entweder ich zeiche Landschafts- oder Bahnhofsszenen in mein Skizzenbuch, damit kann ich Stunden verbringen. Oder ich mache auch Fotos, dann aber eher, weil man solche Bilder auch malen könnte, verwischt à la Gerhard Richter. Dabei finde ich es wie du besonders spannend, ganz banalen Aussichten etwas abzugewinnen (Böschungen z.b. auch).
    Ich kann mir so eine Serie richtig gut vorstellen und bin mal gespannt auf weitere Zufallstreffer.

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  2. An Gerhard Richter habe ich gar nicht gedacht dabei, aber jetzt wo du es sagst ... :-)

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