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Dies ist kein Käse (Ceci n’est pas un fromage).

Kein Kaese mehrDies ist kein Käse.

Der große Surrealist René Margritte hat einmal ein Ölbild gemalt, auf dem wir eine Tabakspfeife sehen. Aber sehen wir wirklich eine Pfeife? Natürlich nicht. Auf der Leinwand prangt allenfalls das Abbild eines solchen Rauchutensils. Wir nehmen ein Muster aus Farbflächen, Texturen und Linien auf einem Trägermedium wahr, die unser Hirn aufgrund seiner Erfahrung als die Darstellung einer Pfeife klassifiziert. Oder um das Haar noch feiner zu spalten: Unser Auge empfängt elektromagnetische Strahlung unterschiedlicher Wellenlänge, die vom Gegenstand reflektiert wurden und wandelt diese in Nervenreize um, die irgendwo im Sehzentrum unseres Gehirns landen und dort sich auf wundersame Weise für uns in einen Gegenstand verwandeln.

Wir würden also ganz unzweifelhaft einem schrecklichen Deutungsirrtum aufsitzen, hätte Herr Margritte nicht “Ceci n’est pas une pipe.” unter das Abbild geschrieben. Dies ist keine Pfeife, schreit es uns an und das kapiert erst mal niemand, außer man hat Bücher über Kunsttheorie gelesen, zufällig Kunstgeschichte studiert oder eine nicht ganz unfähige KunstpädagogIn hat in der Schule den Zöglingen mehr beigebracht, als Papier mit pampigen Wasserfarben vollzuklecksen. 

Kein Kaese AusschnittSo. Nach dieser zugegeben etwas länglichen Vorrede will ich auf den Anlass für meinen Abstecher in die Foodfotografie kommen. Denn was wir wir hier sehen, ist kein Käse. “Ist doch klar, das ist das Foto, das ein Stück Käse zeigt. Folglich: Nur das Abbild eines Käses”, hör ich euch jetzt vor dem Computer schon aufschreien. Könnte man meinen.

Es könnte also sein, dass wir hier die Abbildung eines französischen Ziegenkäses sehen. Ein fleißiger Senner hat eine Ziege gemolken, die Milch erhitzt und Lab hinzugegeben, bis sie stockte. Bruch und Molke wurden getrennt, dann wurden kleine Laibe geformt, in Asche gewendet und im Reifekeller einer Molkerei gelagert und so entstand über mehrere Wochen während der Fermentation ein wohl schmeckender Edelschimmel, bis dann die ausgereiften Stücke in Papier gewickelt und nach Deutschland versendet wurden, wo sie in einem Supermarkt in einem wunderbar anzusehenden Regal voller Meisterwerke der französischen Käsereikunst landeten.

Doch das ist alles nur Illusion, die Wahrheit ist viel schlimmer. Was wir hier sehen, ist keine Abbildung eines Käses. Es ist die Abbildung eines Nichtkäses. Die Illusion der Illusion. Dieses Ding gibt nur vor, gereift zu sein – Rinde, Aroma, Reifegrad: alles ein Trugbild. Ich bin beim Kauf einer Chimäre aufgesessen, einer wilden Mixtur aus den Labors einer EU-konformen Käsereifabrik.

 Kein Kaese Kleingedrucktes

Natürliches Aroma, Gelatine, Emulgator E471, Asche wahrscheinlich aus dem Zentersack, made by Chemiekonzern. Der französischen Aufschrift entnehme ich, dass das Kunstprodukt nicht näher genannte Fermente (ferments) und Lab (présure) enthält. Letzteres wahrscheinlich in solchen homöopathischen Dosen, dass es nach deutschen Lebensmittel”recht” nicht mehr aufgeführt werden muss.

Bezeichnend: im französischen Text taucht das Wort “fromage” nicht auf. Nur hierzulande darf dieser Pudding aus Milch, Gelatine und Aroma von der Ziege “Weichkäse” genannt werden. Und ich falle auch noch auf das so urig wirkende Etikett rein.

Kein Kaese Etikett

Bevor ich’s vergesse: ich habe diese Spezialität aus verkohlter Ziegenmilch probiert. Die Konsistenz ähnelt Panna Cotta (die ist ja auch mit Gelatine), das Bockaroma schmeckt aufdringlich vor. Margritte nannte das Pfeifengemälde übrigens “La Trahison des Images”, den Verrat der Bilder. Diesen Käse würde ich “Den Verrat der Käser” taufen.

Pentax K5, 50mm/f2 manuell mit 2fach Makrokonverter.

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