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Der Teufel steckt doch immer im Detail

Das Böse lauert immer und überall – und so alt wie die Erkenntnis, dass es “das Böse” gibt, so lange beschäftigt sich die Menschheit mit der Frage nach der Quelle allen Übels. Diese Woche hatte sich Deutschlandradio Kultur mit einer Reihe von Beiträgen auf die Suche nach stichhaltigen Erklärungen gemacht. Wie nicht anders zu erwarten, kamen auch die ganzen Fachleute zu keinem eindeutigen rationalen Ergebnis.

Teufel im Jagdfries der Stiftskirche Königslutter

Das Christentum hat dieses Problem dagegen schon vor fast 2000 Jahren gelöst und konnte dabei auf solide Vorarbeit des alten Testaments aufbauen. Satan ist die Ursache für Tod, Elend, Krieg, Hartz IV, Schwiegermütter und was es sonst noch so für Ungemütlichkeiten auf dieser Erde gibt. Der gefallene Engel ist das personifizierte Böse und immer taucht das gehörnte Scheusal dort auf, wo das unschuldige Menschlein es am wenigsten erwartet. Seit dem Mittelalter finden wir den Beelzebub in den verschiedensten Bildwerken und bisweilen versteckt er sich auch in Vexierbildern, die für unsere neuzeitlichen Augen nicht mehr ohne weiteres zu entziffern sind. Wie zum Beispiel im oberen Bild, im zentralen Motiv des berühmten Jagdfrieses der Stiftskirche von Königslutter. Ist das nicht ein herrliches Teufelchen, das uns von der Außenseite der Westapsis anglotzt?

Allerdings möchte der Antichrist gesucht werden, bevor er sich zeigt. Wenn man sich die Plastik im Zentrum der Apsis ansieht (Apsiden sind diese halbrunden Ausbuchtungen an romanischen Kirchen), wird er erst sichtbar, wenn man die Augen in die Unschärfe gleiten lässt. Dann beginnen die Details zu fließen und mit einem Male grinst uns das Böse tückisch entgegen, wo gerade noch zwei Hasen Seltsames taten. Ein paar Aktionen mit der Bildbearbeitung ersetzt diesen Vorgang praktischerweise. Im Original sieht das nämlich so aus:
  
Zwei Hasen fesseln einen liegenden Menschen

Über dem rätselhaften, inzwischen rund 850 Jahre alten Bild haben Generationen von Kunsthistorikern gestaunt und gebrütet. Immer wieder die Frage: Wieso haben die Hasen den Menschen auf den Boden geworfen und gefesselt? Denn in zwei weiteren Darstellungen des Rundbogenfrieses geht es dem Hasen einfach nur an den Kragen. Ich spare mir eine Aufzählung der zahlreichen und generell etwas bemühten Erklärungsversuche.

Unstrittig aber ist: der Hase war und ist das Symbol für Fruchtbarkeit. Ein Überbleibsel aus heidnischen Zeiten, die um das Jahr 1150 noch gar nicht so lange vorüber waren. Osterhase, ick hör dir hoppeln. Die Menschen vor 850 Jahren wussten also ziemlich sicher, was es mit Meister Lampe auf sich hatte. Wahrscheinlich guckten sie sich auch diese Plastiken ein bisschen genauer an, in dieser an Bildwerken so viel ärmeren Zeit. Wir erinnern uns: Die Digitalkamera war noch kein Allgemeingut. Und dann schauten sie und schauten sie, bis die Augen vor lauter fixieren zu tränen begannen und auf einmal blickte sie das Böse an. Einfacher hatten es die Kurzsichtigen – denn in dieser brillenlosen Zeit verflossen die Einzelheiten von ganz alleine. Aber man erblickt den Teufel nur, wenn man auch daran glaubt.

Die Fachwelt scheint übrigens wohl noch immer nicht zu den Gläubigen zu gehören. Jedenfalls konnte ich keinen Hinweis finden, dass die Kunstgeschichte die Entdeckung von Jürgen Bernhard Kuck auch nur im Geringsten ernst nehmen würde. Kuck hatte das Rätsel des Vexierbildes durch “Sehen” gelöst – nicht durch Denken. Und das geht ja nun mal nicht in der Wissenschaft. Schon gar nicht, wenn so jemand nicht vom Fach ist.

In diesem Sinne: Frohes Osterfest! Und keine Hemmungen, wenn Ihr eurem Schokohasen die Ohren abbeißt. Es wird euch schon kein Springteufelchen aus dem Hohlkörper ins Gesicht hüpfen.
Hier habe ich den ganzen Jagdfries im Detail abgebildet (ohne die Felder des Rundbogenfrieses, die statt Figuren “nur” Steinblumen enthalten).

Panoramamontage aus 9 Einzelfotos vom Jagdfries Stiftskirche Königslutter
Wer sich das genau ansehen möchte: das Panoramafoto kann hier in hoher Auflösung heruntergeladen werden (8,5 Megabyte). Und die Einzelbilder gibt es auch auf Flickr:

Kommentare

  1. Danke fuer Info - sehr interessant und dann eben: Dir auch schoene saisonale Hasen-Jagd; die Ohren von meinem werden mit Sicherheit genuesslichst gemeuchelt und ich werd' vorsichtshalber a) die Brille herunternehmen und b) beissen bevor ich zu gruebeln anfange ;-) :-)

    Liebe Gruesse,
    Gerlinde

    PS: sorry fuer den 5 Euro Entschaedigungs-Preis fuer den weit wertvolleren
    Verlust dazu.

    PPS: Danke fuer's Daumen druecken fuer u/Sommer hier - war ein wirklich eher verregneter im Umkreis Melbourne mit halt ein paar 'hitzigen' Spitzen.
    Werde Dich weiterhin fuer 'diesen Job' bitten - funktioniert! ;-) :-D

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  2. Sag' mal, hast DU (mit Deinem 'Photographen-Auge' nicht einmal Lust Dir ein paar der sog. 'Awareness-Test' aus dem Piloten-Training anzusehen/zu suchen?

    Ich glaube, manche davon muessten Dir uuunheimlich Spass bereiten: die Bilder, welche Dual-Darstellungen in sich haben - so man 'ein Auge' dafuer hat.

    Weiss jetzt leider nicht genau,an wieviele und wo und wie man an die Dinger genau herankommt (wir kriegen die immer 1 x jaehrlich bei/von u/Casa (civil aviation safety authority) unter die Nase gehalten) und ich finde, dass da unheimlich gute Dinger dabei sind,

    Good luck und liebe Gruesse,
    Gerlinde

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  3. Man sollte nach meiner Ansicht über die Möglichkeit nachdenken, bezüglich der am Kaiserdom abgebildeten Darstellungen, ob es sich um die im Mittelalter beliebten Fabeln ( unter anderen Äsop, Berechja ben Natronaj haNakdan usw.) handeln könnte. Eine weitere Möglichkeit ist den Zusammenhang mit dem Judentum zu sehen,schließlich ist der Horn blasenden Jäger mit zwei Hunden der unter anderen den Hirsch verfolgt schon 1273 im Wormser Machsor (Jüdische Gebetsordnung für Feiertage) zu finden.Ein Jagdmotiv, ein Horn blasender Jäger mit zwei Hunden die unter anderen Hirsch und Hasen jagen) findet sich auch im angeblichen Mittelalterlichen Rathaus von Mühlhausen Thür. wieder und hat nach meiner Ansicht nichts mit einem Rathaus zu tun.
    Näheres unter Roland Lange Mühlhausen, Judenschule, Synagoge. Ein Buch: "Die verschollene mittelalterliche Judenschule von Mühlhausen" ist in Arbeit.



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  4. http://oding.org/index.php/feste-und-feiern/1275-der-heidnische-osterhase

    Lesegewinn wünscht Guntram !

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