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Mittelalterliches Bilderrätsel: Wer ist der Reiter der Apokalypse?

An Gästebüchern von Museen und Ausstellungen kann ich einfach nicht vorbeigehen, ohne wenigstens ein bisschen darin zu blättern. Diese Schwarten sind so was wie das Äquivalent  der Kommentarfunktion in Blogs: jeder kann unerkannt und unzensiert seine Meinung abgeben. Alles ist vertreten: Allgemeinplätze, fachkundiges Lob, provokatives Getrolle, hirnbefreites Gemotze, freundliche Bemerkungen.

Predella am Böhmischen Altar im Dom Peter und Paul in Brandenburg an der HavelGerne in Domen zu finden: Bildergeschichten von Mord und Totschlag. Die Auflösung gibt es weiter unten.

Letzthin las ich im Gästebuch an der Pforte des Doms zu Brandenburg an der Havel folgenden Eintrag, vermutlich von einem Kind:
Ich fand es langweilig. Dome finde ich im Allgemeinen nicht so interessant.
Da scheint jemand nicht von der allgemeinen Mittelalterbegeisterung infiziert worden zu sein. Aber es stimmt schon. So ein Dom ist objektiv betrachtet auf den ersten Blick nicht viel mehr als ein riesiger Steinhaufen mit Fenstern, Säulen, Pfeilern. Schlecht beleuchtet und miserabel beheizt sind solche Gebäude meist auch noch und ihr einziger Daseinszweck scheint die Religionsausübung zu sein. Was die Sache nicht unbedingt kind- und jugendgerechter macht. Eine klamm-muffige düstere Steinhalle mit Bibelkrams – das ist nicht gerade das, was sich der multimedial geprägte Nachwuchs als Ort der Freizeitgestaltung vorstellt.
Ich werde kein Geheimnis verraten, wenn ich zugebe, dass ich Dome meist sehr interessant finde. Die Architektur ist der eine Grund. Der andere ist meine Faszination für das Mittelalter und die damalige Gedankenwelt. In die tauche ich ein, sobald ich einen Dom, eine Burg, eine Krypta betrete. Damit begebe mich in eine Welt, die für uns im Jahr 2012 doch ziemlich fremd geworden ist. Wer versteht noch die Bildsprache, die Gedankenwelt dahinter? Wer wüsste heute noch aus seiner Alltagserfahrung, welche Funktionen und Bedeutung diese Gebäude und ihre Ausstattung hatten?
Dieses Gefühl der Fremdheit hatte ich wieder, als ich mir den Böhmischen Altar im südlichen Querhaus des Brandenburger Doms ansah. Dieser prächtige gotische Altar wird von zwei Tafelbildserien nach unten hin abgeschlossen. Als sie gemalt wurden, um das Jahr 1375 herum, ist der böhmische König Karl IV. Kaiser im Hl. Römischen Reich Deutscher Nation. Er baut Prag zur “Goldenen Stadt” um, die böhmische Malerei und Architektur blüht auf. Kein Wunder, wenn die Brandenburger auch was von diesem schicken Zeug haben wollen. Sie holen also ein paar böhmische Künstler in die Mark, damit die ihnen ihren Dom nach dem Zeitgeschmack ausstatten. Als die Menschen des Spätmittelalters den nagelneuen und sicherlich sehr teuren Altar betrachteten, war ihnen natürlich glasklar, was sie da vor sich sahen. Dass sie die Schrift nicht lesen konnten, war kein Problem – die Bilder illustrierten eine Geschichte, die sie vermutlich aus feurigen und blumigen Predigten gut kannten.


Eine mittelalterliche Darstellung auf Goldgrund: Ein Reiter mit Schwert und Freibrief - um ihn herum tote Ritter und sterbene Pferde
Ich dagegen stand davor und konnte die Szenerie  nicht einordnen. Zuerst dachte ich an eine apokalyptische Szene. Dazu kam, dass es im Dom unglaublich düster war und ich Schwierigkeiten hatte, Einzelheiten zu erkennen.
Dabei ist die Lösung wirklich simpel – wenn man den Schlüssel hat. Der Dom ist Peter und Paul gewidmet, also den Aposteln Petrus und Paulus. Das ist schon mal ein guter Hinweis. Wenn man das weiß und den Altar als ganzes ansieht, erkennt man, dass die Predella der linken Altarseite die Geschichte von Petrus erzählt, der rechte Teil – aus dem dieses Bild stammt - die des Paulus.
Faszinierend ist die Expressivität, Detailfülle und Lebendigkeit, die sich erst auf dem Foto richtig erschließen, das ich Halbdunkel des südlichen Querhauses aus der Hand machte:
Wir sehen einen einen bärtigen Mann mit gezogenem Schwert in der Rechten auf einem wild galoppierendem Schimmel. In der linken Hand hält er einen beschriebenen Zettel, den er wild herumschwenkt, so dass ihn jeder sehen kann. Er trägt keine Rüstung, ist aber trotz des wüsten Kampfes vollkommen unversehrt. Auf seinem wilden Ritt hinterlässt er eine Spur der Verderbens: Gefallene Pferde und Ritter am Boden, ein Mann stürzt offensichtlich tödlich getroffen von seinem scheuenden Ross, ein anderer in weißem Wams geht gerade zu Boden. In der Bildmitte hat ein gepanzerter Reiter mit Lanze offenbar seinen Kopf verloren und im Hintergrund spitzt einer ängstlich hinter seinem Pferd hervor. Aus einer dunklen Wolke regnet es Blut  – ein Fanal der Gewalt  und – daran gibt es keinen Zweifel – dieser rasende Mann ist die Ursache. Rechts oben schaut eine göttliche Gestalt auf diese Szenerie und ruft dem Mordbuben auf dem Pferd etwas entgegen.
Jetzt müsste ich nur noch die genaue Geschichte kennen. Saulus wird zum Paulus, der Böse zum Guten, das ist alles was ich noch aus Konfirmanden- und Religionsunterricht weiß. Gespannt blättere ich mich durch die Apostelgeschichte des Neuen Testaments und bin enttäuscht, wie wenig wir über diesen Bösewicht erfahren. Erstmals wird ein gewisser Saulus bei der Steinigung des Apostel Stephanus erwähnt.
Und die Zeugen legten ihre Kleider ab zu den Füßen eines jungen Mannes, der hieß Saulus, und sie steinigten Stephanus … Saulus aber hatte Gefallen an seinem Tode. (Apostelgeschichte 7, 58+60)
Das ist alles. Ein junger Mann (wieso hat der auf dem Bild Halbglatze und einen langen Bart?), der Spaß daran hat, wenn die christlichen Prediger abgemurkst werden. Warum das so ist, wer dieser Saulus von Tarsos (so wird er zwei Kapitel später genannt) ist, dazu schweigen sich die Autoren aus. Offensichtlich aber ist es sein Job, gegen die frisch gegründete Christengemeinde mit brutaler Gewalt vorzugehen:
Am selben Tag brach eine große Verfolgung über die Gemeinde in Jerusalem herein; da zerstreuten sich alle in die Länder Judäa und Samarien, außer den Aposteln … Saulus aber suchte die Gemeinde zu zerstören, ging von Haus zu Haus, schleppte Männer und Frauen fort und warf sie ins Gefängnis. (Apostelgeschichte 8, 1-3)
Der Rest des Kapitels schweigt zu Herrn Saulus, während erzählt wird, wie die Aposteln weiter missionieren. Bis der Wüterich in Kapitel 9 erneut in Aktion tritt:
Saulus aber wütete weiter mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn. Er ging zum Hohenpriester und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, um Anhänger des neuen Weges, Männer und Frauen, wenn er sie dort fände, gefesselt nach Jerusalem führen zu können. Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel; und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich? (Apostelgeschichte 9, 1-3)
Alles klar? Wir sehen also auf dem Bild den Herrn Saulus mit seinem Brief beim “Drohen und Morden”, gerade in dem Moment, als die himmlische Gewalt ihm Einhalt gebietet. Wirklich beeindruckend, was der (oder die) Künstler aus der skizzenhaften Erzählung des Neuen Testaments gemacht hat. Durch sie erfahren wir auch einiges über ihre Zeit, über  Waffen und Rüstungen, Alltagskleidung und Priestergewänder, Haartracht und Kopfbedeckungen.

Mittelalterliche Darstellung: Taufe eines Mannes und danach Predigt
Der zweite Teil der Predella zeigt dann wie es weiter geht. Saulus erblindet durch den Gotteskontakt, isst und trinkt drei Tage nichts und wird von seinen Leuten nach Damaskus geführt, wo ER ihn hinschickt. Dort heilt ihn ein Jünger:
Und sogleich fiel es von seinen Augen wie Schuppen und er wurde wieder sehend; und er stand auf, ließ sich taufen und nahm Speise zu sich und stärkte sich. (Apostelgeschichte 9, 18-19. Alle Zitate: Lutherbibel, revidierter Text 1975, Deutsche Bibelstiftung)
So, jetzt wissen wir auch, wo die Redensart mit den schuppigen Augen herkommt. Da der Meister nicht wusste, wie er das sinnvoll darstellen könnte (ich unterstelle ihm das jetzt einfach), machte er einfach mit der Taufe weiter. Dass der Herr Saulus nicht einfach badet, sehen wir an der weißen Taube, dem Symbol für den Heiligen Geist. Aus dem irren Aposteljäger Saulus ist jetzt der Missionar Paulus geworden, der den Heiden und Juden (die auf dem Bild die mittelalterliche Zwangstracht tragen) predigt.
Alles nicht mehr so spannend. Ein absoluter Höhepunkt ist tatsächlich das Reiterbild – schon dafür hat sich der Besuch im Brandenburger Dom mehr als gelohnt. Vielleicht hätten sich die gelangweilten Gästebuchschreiber dafür begeistern können – wenn es ihnen denn jemand gezeigt hätte.
Der Böhmische Altar ist übrigens in ganzer Pracht auf der Webseite des Domstiftes Brandenburg im virtuellen Domrundgang zu sehen.
Fotos: Pentax K5 mit Tamron 17-50/2,8; f3,2/ISO 1600, 1/6s Handaufnahme ohne Blitz und Stativ. RAW-Format.

Kommentare

  1. Danke, dieses biblische 'memory joggen' erspart mir das Einspannen von Suchmaschinen und schmeckt von Dir 'serviert' eindeutig besser! ;-)

    Beim Eintrag des Youngsters im Gaestebuch musste ich an einen zwar in D. geborenen aber in Australien dann 6 weitere Jahre lebenden jungen Mann denken. Mit dann knapp 12 durfte er dann erstmals die 'Ahnen-REgion' Koeln besuchen. Hierzu wurde ihm schon laaange vorher von dem erwuerdigen Ding namens 'Dom' erzaehlt = fein; kannte der Juengling - hiess hier Telstra-Dom!
    Als er dann beim Besuch des K.-Domes irritiert feststellte, dass das ja wohl 'so was wie eine Kirche' ist, kam die verblueffte Frage " ... und wo spielen die hier dann Footy, Papa?"
    Telstra-Dom ist hier naemlich ein Sportstadium (ich glaube mit Kuppeldach; darum die Bezeichnung 'Dom')!

    Liebe Gruesse,
    Gerlinde

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  2. Hallo Gerlinde. Danke für die kleine Geschichte. Wenn man den Kölner Dom leerräumen würde, könnte man dort bestimmt gut Fußball spielen. Zuschauer hätten auch noch Platz. Dom heißt ursprünglich nichts anderes als Haus (lateinisch: Domus). Und so ein Stadion mit Dach ist nun wirklicht nichts anderes als ein Haus. Wenn auch ein ziemlich großes.

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  3. Ja, das waer' die offizielle Uebersetzung. Mir scheint aber, dass sich damit in unserem eigenen Sprachgebrauch fast automatisch mittlerweile wirklich "Kuppel-Dach" und/oder "heilig" 'eingebaut' hat, denn nicht einmal feudalere Privat-Haeuser bekommen diese Titulierung, oder?
    Ausserdem weiss ich noch nicht genau, ob besagtes 'Telstra-Stadium' sprich -Dom hierzulande nicht auch vielleicht wegen der 'Heiligkeit des Sportes fuer die Australier' (= drehen diesbezueglich ja fast durch !!!) so benannt wird. ;-)

    Uebrigends, hat das mit der heimatlichen Kultur in der im Ausland lebenenden Familie 'mitschleppen' schon so seine lustigen Tuecken fuer entsprechende Kinder, welche 'die alte Heimat der Eltern' nur aus Erzaehlungen kennen! Incl. die Sprache: mitunter sprechen diese Kinder ja perfekt den Dialekt der Eltern, koennen aber kein bischen Hochdeutsch verstehen!
    Weitere nette Anekdote hierzu: oesterreichische Eltern besitzender Youngster sitzt mit entsprechender Verwandtschaft bei 'Alt-Heimat-Besuch' im Gasthaus (= 'Beisl' auf oesterr.?) und bestellt 'Topfen-Palatschinken ' in schoenstem oesterr. Jargon der Gegend und fragt dann (zur Verblueffung des noch herumstehenden Kellners) "was ist das eigentlich, was ich da bestellt habe?"

    Umgekehrt, fand ich einmal zu Anfang meines eigenen Einlebens hier nicht puenktlich schnell das gegenteilige Wort fuer 'upset' in meinen 'Hirnkastl-Schublaeden'. Die Wirkung (= Riesengelaechter) war allerdings seeehr instant, als ich dann trocken meinte "down-setten" please" :-D

    In diesem Sinne und bis spaeter wieder 'mal: 'seeya',
    Gerlinde

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  4. Ich noch einmal und diesmal leicht zum psychologischen Thema des 'Schreibwerk wedelnden Saulus': uebersetzt hiess das fuer ihn ja "es ist mir erlaubt, wenn die schon nicht freiwillig mitkommen!"
    Und man glaubt auch heutzutage kaum, was (noch immer) alles wider besseres Wissen/Vernunft gemacht wird, wenn man eine sog. 'geschriebene Erlaubnis' dafuer hat!!! S'ist schon mitunter sehr befremdlich wie blamabel!

    LG, Gerlinde

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  5. Vielen Dank für die schönen Ausführungen! JP

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