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Entdeckungsreise durch eine geschenkte Fototasche

Altmodische Fototasche aus schwarzem Kunstleder

Lange stand dieser nette Fotokoffer unbenutzt bei mir im Abstellschrank. Deef hatte ihm mir samt Inhalt überreicht; er brauche ihn nicht mehr und ich könne doch bestimmt damit etwas anfangen. Ich muss zugeben, dass ich ihn nur einmal durchsah, ohne die Sachen richtig auszuprobieren. Aber da ich zurzeit gerne mit alten Kameras herumspiele, nahm ich den mit rotem Plastiksamt gefütterten Koffer nun nochmals genauer unter die Lupe. Und ich entdeckte wunderbare Dinge aus dem allmählich versinkenden Zeitalter der analogen Fotografie.

Fototasche miti Praktika, Objektiven und anderem Zubehör.
Jüngster Bestandteil des Interieurs ist eine Praktica MTL 5B aus dem Pentaconwerk in Dresden. Der klobige Kasten wurde von 1985 bis 1989 gebaut, doch seine Technik erinnert an Kameras der 60er-Jahre. Fast schon revolutionär ist der elektronische Belichtungsmesser. Verschlusszeit und Blende lassen sich ausschließlich manuell einstellen, irgendwelche Automatiken fehlen: Die MTL wird komplett mechanisch gesteuert. Nachteil: Als Knipser muss man vor dem Druck auf den Auslöser ein bisschen nachdenken und vorplanen (also in Wirklichkeit kein Nachteil). Vorteil: die Kiste löst vermutlich noch bei –40 Grad Celsius aus und außer dem Belichtungsmesser gibt es keinerlei Elektronik, die kaputt gehen könnte. Ein primitives, aber robustes Modell also – der beste Beweis dafür ist mein Gerät. Es funktioniert einwandfrei, obwohl es offensichtlich irgendwann einen heftigen Schlag erhalten hat – denn die eine Gehäuseecke hat eine böse Delle.
Praktika, Belichtungsmesser, Objektiv,  Metzblitz, Kleinzubehör
Haptisch ist der Fotoapparat verglichen mit den heutigen Kamerabodies eine echte Katastrophe – er fasst sich an wie eine Zigarrenkiste mit Bleigewichten. Der Filmtransporthebel verlangt einen kräftigen Daumen und die Abblendtaste für die Belichtungsmessung macht auf Dauer auch einen dicken Zeigefinger. Das gleiche gilt für das Standardobjektiv (50mm/1,8): präzise, aber schwergängig, holt man sich leicht eine Sehnenscheidenentzündung vom Fokussieren.
Aber auch wenn die Kamera nicht mehr zeitgemäß ist, so ist sie doch ohne Einschränkungen fototauglich, wie ich nach einem Probefilm feststellen musste. Dazu mehr im nächsten Blogartikel.
Jetzt aber zu den weiteren Utensilien aus der Tasche: Ein Teleobjektiv (Auto Albinar Special 135mm/2,8)  gesellt sich dazu und ein kleiner 25 CT3-Elektronenblitz von Metz – nicht wirklich alt, aber dennoch ein Museumsstück.
Handbelichtungsmesser Revue S120
Der eher simple Handbelichtungsmesser von Foto Quelle (Gott hab sie selig…) in seinem schicken Lederetui ist nun wirklich ein Fall fürs Museum. Denn um korrekt zu funktionieren, benötigt er eine 1,35 Volt-Knopfzelle (625PX). Diese sind wegen ihres Quecksilbergehaltes in der EU aber seit 2008 Anfang der 2000er Jahre verboten, Lagerbestände gibt es keine mehr, die Batterien halten sich verpackt kaum länger als zehn Jahre. Ich habe nur einen einzigen Anbieter gefunden, der eine modifizierte Hörgerätebatterie als Ersatz für die 625PX verkauft. Watameter von Rowi: Ein Entfernungsmesser zum Aufstecken auf den Blitzschuh der KameraAlso bleibt das Gerät ungetestet.
Ein sehr interessantes Stück ist der ROWI Watameter, ein Messsucher (Neudeutsch: “Rangefinder”) zum Aufstecken. Ich wünschte, den hätte ich früher schon gehabt, als ich manchmal noch mit der Rollei 35 der Liebsten unterwegs war. Bei diesen süßen Knipsschächtelchen muss man nämlich die Entfernung zum Objekt schätzen und mittels Entfernungsskala das Objektiv einstellen. Das klappt ganz gut, wenn man abblenden kann und das Motiv etwas weiter entfernt ist: Dann gleicht die Tiefenschärfe auch gröbere Schätzfehler aus. Im Nahbereich und bei bei offener Blende funktioniert das leider nicht besonders. Denn das exakte Schätzen von Entfernungen ist nicht gerade eine menschliche Stärke. Hier ist der Messsucher eine große Hilfe: blickt man hindurch, sieht man zwei Halbbilder, die man mit dem Einstellrad auf der Rückseite in Deckung bringt. Auf der Skala lässt sich dann die genaue Entfernung ablesen. Wer mehr darüber wissen möchte, wie ein Messsucher genau funktioniert, sollte einen Blick in den sehr guten Blogartikel vom Knippser werfen.
Superknips: Mechanischer Zeitauslöser mit Uhrwerk
Und nun zum letzten spannenden Zubehörteil: dem Superknips. Ja, dieser Name steht auf dem dekorativen Schächtelchen. Das Gerät ist kein verkleinertes Bahnsignal, sondern ein primitiver Zeitauslöser. Und der funktioniert so: Man dreht die rote Kelle in die Stellung wie auf dem Bild zu sehen und arretiert sie mit einem kleinen Schieber auf der Rückseite des Superknips. Nun muss man den Drahtauslöser irgendwie in diese Aussparung rechts reinfummeln. Löst man die Arretierung, rattert ein kleines Uhrwerk und die Kelle bewegt sich gegen die Pfeilrichtung. Dabei betätigt sie den Drahtauslöser. Ich hab das nicht hinbekommen – kann jemand helfen?
So, das war ein kleiner Ausflug in die Fototechnik der Vergangenheit und einen Film aus prähistorischen Zeiten habe ich damit auch schon belichtet – mit ganz netten Ergebnissen. Darüber bald mehr. Und bitte sagt mir, wie der Superknips funktioniert. Ich bin zu doof dazu.

Kommentare

  1. Du müsst den Auslöser in diese Öse rechts hängen, und die Oberfläche des Dingens wo Du draufdrückst gegen das Gehäuse spannen (geht freilich nur, wenn man den Automaten vorher aufzieht). Ich müsste auch noch einen rumliegen haben. Früher ging das halt nur so.

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    1. Ok, dann bekomme ich nur den Auslöser nicht in Öse reingefummelt. Der scheint etwas zu dick zu sein. Mal sehen, ob es mit einem anderen geht. Ich hab noch einen rumliegen.

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