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Der unscharfe Blick

An der Uni hatte ich einen Kommilitonen, der allmählich erblindete. Wenn er mich an der Stimme erkannte, stürmte er auf mich zu und starrte mir aus wenigen Zentimetern Abstand mit seinen unsicheren Augen ins Gesicht. Selbst dann war er sich offenbar nie ganz sicher und fragte nochmal nach, ob ich es auch wirklich sei. Schrieb er am Computer, vergrößerte er die Buchstaben, bis kaum mehr als ein Wort in die Bildschirmzeile passte. Sein Berufswunsch: Kameramann.

Natürlich machten sich viele darüber lustig; auch ich fand die Idee absurd, wenn ich Jürgen, so hieß er, mit seiner Videokamera hantieren sah. Wie sollte das gehen, wenn jemand die Welt nur als ein zerfaserndes Durcheinander von Farben und Flächen, Hell und Dunkel wahrnehmen konnte? So ähnlich geht es nämlich mir, wenn ich meine Brille abnehme und die harten Konturen, die Linien, Kanten, die Details mit einem Mal verschwinden – bis auf die Dinge direkt vor meiner Nase. Heute würde ich Jürgen einfach bitten, mir einen seiner Filme zu zeigen. Möglicher­weise bekäme ich dann eine Idee davon, wie ein Mensch mit einem Restaugenlicht von sechs Prozent die Welt sieht.

Aus der Serie Minus neun Dioptrien

Kommentare

  1. Die Idee gefällte mir: auf schärfe verzichten, um die Dinge klarer zu sehen.

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  2. Willkommen im Club der Brillen-Abhaengigen, Ralf.

    In generell zollen mir alle Behinderte (und ganz speziell hierzulande = noch 'tougher', da weniger staatliches Sozialnetz fuer sie vorhanden) ganz gehoerig Respekt ab. Auch wenn's schon mal den einen oder anderen Hin- und Her-Mautzer gibt, wenn man Hilfe anbietet und selbige mitunter sehr schroff abgewiesen wird. 'Das' ist hierzulande aber auch ein besserer Ton sowie ein besseres 'Miteinander'. Seltsam, hier fuehlt man sich als 'gesundheitlich bunt gemischt' eigentlich extrem wohler und ich denke mir oefter: hmm, Gerlinde; kannst Dir eine Scheibe als Muster abschneiden!

    Es ist aber seltsam, wie 'blindengerecht' viele meiner Kuechen-Schubladen eingerichtet sind (incl. Kraeuter/Gewuerze in alphabetischer Reihenfolge, welche ich dann notfalls blind abzaehlen kann und trotzdem das Richtige in der Hand habe. Dies verwirrt besuchende Freunde immer gehoerig)
    Ausserdem verboten hier: Taschenlampen und/oder Notfall-Kerzen von ihrem designierten Platz weg zu nehmen bzw. nicht baldmoeglichst wieder an ihren vorgesehenen Platz zurueckstellen; die will ich auch 'blind' finden (sie sind aber auch immer sooo schlecht bei Stimme ;-) !)
    Ueberhaupt ist Sehfaehigkeit und Sehfaehigkeit und Ansicht und Ansicht und dergl. derart vielfaeltig
    mehrdeutig .....
    Mich fasziniert auch immer wieder:TV laufend; aus der Naehe und von der Seite - nur aus Spass an der Freud!

    Liebe Gruesse,
    Gerlinde

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    1. Die Frage, die ich mir stelle: Sieht man anders in der Unschärf? Ist die "Behinderung", das "schlechte" Sehen möglicherweise eine Brücke zu einer anderen Wahrnehmung. So hatte z.B. der große Impressionist Claude Monet grauen Star und konnte nur verschwommen und fleckig sehen.

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  3. Da schwoer' ich drauf; genauso wie Du das ja schon mit/ohne Brille 'siehst'.
    Ich denke, dass sich dann auch andere Farben ergeben.
    Experimentier' ruhig mal mit Dir selbst herum: Sachen welche Du schon kennst - einmal mit, einmal ohne Brille. Interessant ist aber ueberwiegend: Sachen, die man NICHT schon vorher gesehen hat
    (weil einem dann das Gedaechtnis nicht 'helfen' kann!) Da brauchst Du aber jemanden, der Dir dabei etwas hilft. Z.B.: Entweder eine andere als sonst uebliche die Muesli-Box oder Konserven-Dose o.ae. heimschleppt und mit Dir das dann macht.

    Auch wenn ich selbst oefter mal fluche ueber fluechtende Sehfaehigkeit - so lange sie noch unfallfrei alleine zu meistern und doch unterstuetzend vorhanden ist, gibt es auch Genuss-Momente: abends Brille runter und das Haus ist 'sooo blitzschnelll sauber', wie ich das niiiie selbst mit laengerem Aufwand hinkriege! ;-) :-D

    Meist ist es so, dass bei Ausfall oder Einschraenkung eines der menschlichen Sinne die Restlichen besser ausgepraegt werden. Faellt fuer mich allerdings etwas unter Mehr- bzw. 'Zwangs-Uebung'.
    Lustig ist auch schon, wie Maennlein und Weiblein ein und dieselbe Farbe unterschiedlich sehen.
    Mal die sehr haeufige Rot/gruen-Blindheit (ist aber interessant, dass das keine eigentliche Blindheit sondern auch wohl ein 'Anders-sehen' ist) ignorierend! Auch jede andere Kruemmung jedweder Augenlinse scheint unterschiedliche Ergebnisse zu bewirken; s. Schmetterlinge und andere Insekten - Tiere ueberhaupt! Z.B.: Wie oft aergert man sich beim Fliegen fangen ueber deren wohl 'Rundum-Sicht'? Wenn Insekten-Augen sogar inkludierte Teilfarben sehen, was fuer uns Menschen nur EINE (ganz andere) darstellt!

    Was Herrn Monet betrifft: was hat er dann wohl aufgrund seiner evtl. unbekannten, unbewussten 'Anders-Sicht' getan? Er hat's vermutlich selbst gar nicht so gewertet da 'normal' fuer ihn und der gesunde Rest hat's wohl als neue modische Kunstrichtung interpretiert und akzeptiert (mM) weil er 'vorher' wohl schon eine gewisse Beruehmtheit war.
    (nur mit Picasso, Chagall und ein paar Anderen habe ich haeufiger ordentliche 'Deutungsschwierigkeiten' ;-) !)

    LG, Gerlinde

    PS: lass' bitte die naechste vorbeisurrende Fliege in Ruhe - die passenden Geraete zum Zerklabuesern haben nicht einmal alle Naturforscher dafuer ;-)

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