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Gesehen & gekauft: Street Photography Now

Buchtitel Street Photographie Now

Mit dem Fotografieren ist es wie mit Fußball, Schreiben, Singen, Tanzen oder einer anderen beliebigen schöpferischen Tätigkeit: Die Ergebnisse werden umso besser, je häufiger man/frau es tut. Oder altdeutsch ausgedrückt: Übung macht die MeisterIn.
Das gilt natürlich auch für die Straßenfotografie, dieses traditionsreiche Feld der Lichtbildnerei mit legendären Vertretern wie Henri Cartier-Bresson und Robert Frank. Doch wie nähert man sich dem Genre Street Photographie, wie fängt man an? Gehe ich einfach raus auf die Straße und schieße dort Leute mit dem Teleobjektiv ab, oder halte ich die Kamera wahllos in x-beliebige Szenen? Natürlich könnte man es machen, wie uns der Schweizer Thomas Leuthard in seinem eBook Collecting Souls rät:
Don’t study the work from the old masters, don’t go into exhibitions and don’t read about photography just go out and shoot in the streets.
Nur nicht zu viel lesen und angucken vorher, einfach nur machen, meint er. Das ist natürlich Unsinn und das weiß vermutlich auch Leuthard. Warum sonst hätte er immerhin schon drei (!) eBooks geschrieben, die umfassend ins Thema einführen? Möchte er etwa nicht, dass wir sie lesen? Vielleicht ist es auch Ironie, die ich einfach nicht verstehe. Ich stimme zu: wer gute Bilder machen will, muss viel knipsen. Wer aber wissen will, was wirklich zu guter Street Photography  gehört, sollte dringend über den eigenen Tellerrand schauen und die Werke der Könner und Meister, was und wie sie arbeiten, gründlich studieren.

Gehört die Straße den Männern?

Und damit bin ich beim eigentlichen Thema, meiner heutigen Buchempfehlung. Street Photographie Now von Sophie Howarth und Stephen McLaren entdeckte ich letzthin bei den Neuerscheinungen in der Kunstbuchhandlung um die Ecke. Ich blätterte, sah und kaufte. Für gerade rund 25 Euro (beim Onlinehändler mit dem A gibt es das nur auf Englisch erhältliche Buch billiger) trug ich über 300 Bilder von 46 zeitgenössischen FotografInnen nach Hause. Seitdem erfreue ich mich am besten aktuellen Kompendium, das ich bisher zum Thema gefunden habe. Die meisten der Namen sagten mir vor der Lektüre nichts oder wenig, nur Martin Parr und Joel Meyerowitz  kannte ich schon vorher. Etwas rätselhaft: gerade vier Frauen schafften es in den Band, eine Erklärung bleiben die Autoren allerdings schuldig. Ist Street Photography etwa immer noch eine Männerdomäne? Bedauerlich an der Auswahl: Schwarzafrika und Südamerika mit ihren Riesenstädten fehlen, die meisten Fotografen kommen aus USA, (Mittel-)Europa, Asien und Australien.
Außer Fotos in Farbe und Schwarzweiß, von Briefmarkengröße bis Seiten füllend, finden wir auf 240 großformatigen Seiten auch eine Menge Texte und Zitate. Darunter eine sehr erhellende und unterhaltsame Diskussion, in der sieben Fotografen (keine Frau…) das Genre und ihren Vorgehensweise sehr persönlich diskutieren. Schön auch der große Index, das Verzeichnis mit Links zu den Webauftritten der  BildkünstlerInnen und die Literaturhinweise.

Kein Lehrbuch zur Straßenfotografie

Street Photography Now ist also ein wunderbares Bilderbuch, wenn man wissen möchte, wie Profis zu ihren Bildern kommen, welche Eigenschaften sie mitbringen, um die kleinen Dramen der Straße erfolgreich in fesselnden Bilder einzufangen. Geduld, Neugier, Schnelligkeit, Respekt vor den Menschen, Einfühlungsvermögen, Freundlichkeit, Mut und natürlich der Riecher für die Situation gehören dazu.
Technische Hinweise fehlen im Buch – Angaben zu Filmen, Zeit, Blende, Kameras oder verwendeten Optiken sucht man vergebens. Wer auf die auf die Straße geht, sollte sein Handwerkszeug im Griff haben. Denn im entscheidenden Moment bleibt keine Zeit, noch über die richtigen Einstellungen zu sinnieren. Das Leben wartet nicht, bis wir den Auslöser drücken.

Mein Tipp: Kaufen!

Infos zum Buch

Street Photography Now bei Thames & Hudson (mit Voransicht zum Blättern)

Straßenfotografie auf Flickr

Hardcore Street Photography
www.street-photographers.com

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