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Diane Arbus: Geheimnis eines Geheimnisses

Eintrittskarte Ausstellung Diane Arbus im Martin-Gropius-Bau Berlin

Nun sitze ich hier vor meinem Notebook und versuche mich wenigstens an den Wortlaut eines der Zitate zu erinnern, die ich vor wenigen Stunden in der famosen Ausstellung zum Werk von Diane Arbus (1923–1971) im Martin-Gropius-Bau gelesen habe. Wozu hatte ich eigentlich mein Notizbuch in der Hand? Ich blättere nach (*blätter, blätter*). Nein, kein einziges Arbus-Zitat, nur ein paar Namen von Menschen auf den Fotos, die ich noch nachschlagen wollte.
Ok, ich mache es kurz: diese Ausstellung ist grandios. Die rund 200 Fotos – alles eher kleinformatige Abzüge in Schwarzweiß – ließen mich die Zeit vollkommen vergessen. Etwas verblüfft stellte ich später fest, dass ich drei Stunden durch die Bildersäle geschlappt war, die viele bisher unveröffentlichte Arbeiten zeigen. Ich zitiere den Text aus dem Ausstellungsflyer:
Ihre zeitgenössische Anthropologie – ihre Portraits von Paaren, Kindern, Jahrmarktartisten, Nudisten, Mittelklassefamilien, Transvestiten, Exzentrikern und  Prominenten – ist auch eine Allegorie der menschlichen Erfahrungen, eine Erkundung der Beziehung zwischen Schein und Identität, Einbildung und Glauben, Theater  und Realität.
Das liest sich zuerst etwas geschwollen. Es sagt aber fast alles, was und wer auf den Fotos zu sehen ist. Ich würde noch die Menschen mit Behinderung, die Zwerge und Riesen nennen, die Maskierten, die Reichen, die Zwillinge, die mit intensivem Blick in die Kamera schauen.
Es waren diese vielen hundert Blicke, die mich in der funzeligen Beleuchtung der Ausstellung buchstäblich in ihren Bann zogen. Was damals zwischen Diane Arbus und den abgelichteten Menschen passierte, das ist nicht nur sichtbar – es kann richtiggehend erfühlt werden, wenn man sich auf diese in Film eingefrorene Kommunikation einlässt. Ich habe doch noch zwei Zitate gefunden, die zumindest erahnen lassen, was Arbus bewirken wollte. Eines stammt aus dem Flyer zur Ausstellung:
Eine Fotografie ist wie ein Geheimnis eines Geheimnisses. Je mehr man erzählt, umso weniger erfährt man.
Und ein weiteres zur Fotografie habe ich der Pressemappe zur Ausstellungseröffnung (Verlinkung leider nicht mehr möglich) entnommen:
Sie [die Fotografien, rst.] sind der Beweis dafür, dass etwas existiert hat und jetzt verschwunden ist. Wie ein Fleck. Und ihre Stille ist verblüffend. Man kann sich abwenden, doch wenn man zurückkommt, werden sie immer noch da sein und einen ansehen.
Natürlich hätte ich hier einige der sieben Pressefotos verwenden können, die zumindest den Stil von Arbus erahnen lassen. Aber die Nutzungsbedingungen sind für ein Blog einfach inakzeptabel: “Alle Reproduktionen in elektronischen Medien sind nach dem 23. September 2012  innerhalb von 60 Tagen aus dem Netz zu nehmen. Nach ihrer vorgesehenen Verwendung  sind die digitalen Dateien mit den Pressefotos zu löschen” (Quelle: Pressemappe). Deshalb gibt’s hier keine Fotos –  ich verweise dafür auf Googles Bildersuche.

Fazit: Hingehen und ansehen, auch wenn der Eintrittspreis gesalzen ist (10 Euro/7 Euro ermäßigt. Allerdings: bis 16 Jahre ist der Eintritt frei). Die Ausstellung geht nur noch bis 24. September 2012.
 

Links (Update 7.1.2013)

Viele, viele Bilder von Diane Arbus via Google
Infoseite zur Ausstellung “Diane Arbus” im Martin-Gropius-Bau

Kommentare

  1. Gerade bin ich zurück von einem Schnelltrip zur Documenta und erfüllt von dem, was dort zu Erfühlen war (sorry, passt gerade so). Du würdest aus dem Fotografieren gar nicht mehr herauskommen, inklusive im Gebüsch versteckter Überraschungen.
    Fotografieren habe ich nur zweimal verboten gesehen: Bei zwei Bildern von Dali. Plötzlich wird einem klar, wie vorsintflutlich das ist. Das habe ich auch als Notiz an mich selbst vermerkt, weil ich auch nicht frei bin von der Angst, Bildmaterial von mir würde sich jemand anders einverleiben und womöglich zu Geld machen.
    Aber die Generösität bzw. die Zurückgenommenheit all der Künstler auf der Documenta, die gegen Fotografieren nichts hatten, steckt an.

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    1. Ich frage mich, was die Diane-Arbus-Erben eigentlich befürchten? Dass niemand mehr die Fotobücher kauft oder in die Ausstellung geht, wenn Fotos in Miniauflösung im Netz zu finden sind? Das macht doch gerade Appetit auf mehr. Und das Erlebnis einer Ausstellung oder die Qualität einer guten Repro im Buch kann eh kein schlechtes JPG toppen. Aber vermutlich walten da eiserne NachlassverwalterInnen, die grundsätzlich für jeden Pups Lizenzgebühr haben wollen.

      Das liebe Geld... Ich glaube, Bildmaterial wird nicht genommen, um es zu verkaufen, sondern um es irgendwo illustrierend einzusetzen und damit Geld für Lizenzen zu sparen. Ich habe mir auch überlegt, wie ich mit meinen Fotos umgehen soll. Nun sind das hier nicht unbedingt die absoluten Haben-Will-Fotos, wie sie zum Beispiel Medien für ihre Webseite suchen. Sowas findest du auf Fotolia, Shutterstock, Pixelio und wie sie alle heißen - glatte Bilderwelten, schön in Hochglanz, die als Symbolfotos für allen möglichen Kram verwendet werden können.

      Aber ich stelle ich sie in einem eher kleinen Format ein (in der Regel nicht breiter als 600 Pixel) und veröffentliche sie unter einer CC-Lizenz. Siehe auch Menüpunkt Urheberrechte. Was soll ich dadurch verlieren, wenn sie jemand nimmt? Ich mach das ja nicht um Geld zu verdienen. Und wenn sie jemand kommerziell verwenden will, ohne mich zu fragen, hat er/sie eben nur die niedrig aufgelösten JPGs, die für den Druck höchstens für Briefmarkengröße reichen.

      Ich bin ja froh, dass so viele Leute ihre Fotos und Texte veröffentlichen. Das Internet wäre sonst ziemlich trostlos.

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