Direkt zum Hauptbereich

Ein Treffen mit den Vätern von Alois Nebel

Es ist schon ein paar Jährchen her, dass ich mich intensiv mit Graphic Novels – hierzulande noch immer etwas irreführend als Comics verniedlicht – beschäftigte. Vor allem französische und belgische Autoren/innen (Szeniaristen im Fachjargon) und ZeichnerInnen bewohnen gut eineinhalb Meter meines Bücherregals, einige Amerikaner quetschen sich dazwischen, wenige Deutsche, Italiener und Spanier.

Seit vergangenem Sommer wohnen dort mit Jaromir99 und Jaroslav Rudiš auch zwei Tschechen. Natürlich nicht persönlich, sondern in Gestalt ihres brillanten grafischen Romans Alois Nebel in der deutschsprachigen Ausgabe, erschienen bei Voland und Quist. Gestern hatte ich das Vergnügen, Zeichner (und Sänger, Maler, und und  und) Jaromir99 und Autor Rudiš persönlich kennenlernen. Die beiden eröffneten in der Akademie für Illustration und Design (AID) in in Kreuzberg eine Ausstellung mit Originalzeichnungen aus dem Grafischen Roman. Und sie berichteten über die Entstehung des Animationsfilmes Alois Nebel – mit ein bisschen Glück kommt er dieses Jahr auch hierzulande in die Kinos.

Ein bisschen doof kam ich mir schon vor, als ich wie ein Groupie mit meiner Nebel-Ausgabe in der Hand auf die beiden zustürmte. Aber nur ein bisschen. Jaroslav freute sich über meine Begeisterung für die Geschichte und kramte sofort nach seinem Silberstift und Jaromir zeichnete mir eine schöne Widmung ins fast 360 Seiten dicke Buch.

aloisnebelAlois Nebel: In der Mitte das Lieblingsbild von Jaroslav Rudiš - Alois auf dem Klo bei der Lektüre der Kursbücher; das beruhigt ihn (Alois, nicht Jaroslav), wie man im Text erfährt. Rechts: Die Beute

Vordergründig geht es in “Alois Nebel” um einen gleichnamigen tschechischen Eisenbahner, Ausgangspunkt ist die Zeit um die politische Wende in den Jahren 1989/90. Er ist Fahrdienstleiter am Bahnhof von Bílý Potok (Weißbach). Der Ort befindet sich im abgelegenen Altvatergebirge an der tschechisch-polnischen Grenze, ein Teil des früheren auch deutschsprachigen Sudetenlandes. Nebel wird wahnsinnig und sieht geisterhafte Züge aus der dunklen Vergangenheit Mitteleuropas. Er landet in der Psychiatrie, wird entlassen und strandet später auf dem Prager Hauptbahnhof, lernt dort die Toilettenfrau Květa kennen und heiratet sie, nachdem er in die Heimat zurückgekehrt ist. Dazwischen spielen Kneipen, viele Züge, Kleinkriminelle, ein stummer Pole und etliche Russen eine Rolle.

Jaromir99 und Jaroslav Rudiš Jaromir99 (links) und Jaroslav Rudiš (rechts) - der eine ein bisschen schüchtern, der andere verschmitzt - aber beide launig humorig

Für das Gespann Rudiš und Jaromir99 (eigentlich Jaromir Švejdík) ist die Geschichte ein Vehikel, um uns die Historie des Sudetenlandes und seiner Menschen zu erzählen. Die Besiedlung durch Einwanderung Deutscher im Mittelalter, die Zeit des Eisenbahnbaus, als Böhmen und Mähren Teil Österreich-Ungarns war. Der Zweite Weltkrieg, die Vertreibung der deutschsprachigen Sudetenländer. Die sowjetische Besatzung und dann die radikalen Umbrüche nach dem Untergang des Sozialismus am Ende des 20. Jahrhunderts. Beide sind persönlich verbunden mit dem Thema. Rudiš Großvater hieß Alois und war Stationsvorsteher bei der Tschechischen Eisenbahn, Jaromir99 stammt aus dem einsamen Altvatergebirge.

Die Geschichte zu Alois Nebel schrieben sie gemeinsam an etlichen Abenden in einer Kneipe mit dem schönen Namen U vystřelenýho oka (Zum Ausgeschossenen Auge) im Prager Stadtteil Žižkov. Ob das entscheidenden Einfluss auf die die Stimmung der Graphic Novel hatte, wage ich ich nicht zu beurteilen. Gezeichnet ist sie durchgängig in holzschnittartigen Schwarzweißbildern. In Düsterkeit und Stil erinnern sie mich an die Alben des franko-belgischen Zeichner Comès – doch glücklicherweise mit deutlich mehr Humor durchsetzt. Humor, den Jaroslav Rudiš und Jaromir99 auch bei ihrem launigen Vortrag in der AID aufblitzen ließen.

Ausstellung tschechisches Zentrum Zweiter Teil der Ausstellung im Tschechischen Zentrum: Hier ist die deutsche Ausgabe in Auszügen zu sehen.

Eigentlich hatten die Liebste und ich an diesem Sonnabend nur einen kurzen Ausflug zur Ausstellungseröffnung geplant. Doch dann meinte Rudiš, wir würden doch im Anschluss sicherlich noch das Tschechische Zentrum besuchen, um dort den zweiten Teil der Ausstellung anzusehen, außerdem würden doch Jaromir99 und seine Band Priessnitz spielen. Die MÜSSTEN wir einfach anhören, die seien einfach klasse. Wir ließen uns überzeugen, stiegen in die U-Bahn Richtung Mohrenstraße und sahen ein ganz wunderbares Konzert der tschechischen Kultkapelle (ich vertraue einfach drauf, dass das stimmt mit dem Kultstatus). Wie versprochen: Klasse! Ganz nebenbei traf ich dort noch ein paar alte Bekannte aus der der Studienzeit in Leipzig wieder und bekam Freibier mit dem schönen Namen Alte Quelle. Alles nur, weil die Väter von Alois Nebel in der Stadt waren und ich mein Buch signieren lassen wollte.

Und was hat das nun alles mit Fotografie zu tun? Na, nichts. Außer, dass man bei Comics auch genau hinsehen sollte.

Die Ausstellungen zu Alois Nebel in Berlin

Bis 22.2.: Akademie für Illustration und Design (AID), Ritterstraße 14-16, Aufgang 2
Bis 24.2.: Galerie TZB, Tschechisches Zentrum, Wilhelmstraße 44 / Eingang Mohrenstraße

Kommentare

  1. Das freut mich sehr! Ich kann es sehr gut verstehen, wie schön es ist, Menschen, deren Arbeit man bewundert, persönlich zu treffen. Wenn die dann noch nett sind... Was schöneres kann es doch fast gar nicht geben.
    LG

    AntwortenLöschen
  2. Ja, das finde ich auch. Man glaubt, als Groupie zu nerven, dabei freuen sich die Adressaten. Die Leiterin der Documenta 13 trägt in ihrem Portemonnaie einen Zettel mit sich, den ihr ein Kasselaner in eine Restaurant zugesteckt hat. Darauf bedankt er sich für die Documenta. Und sie freut sich nun täglich über den Zettel. Ich hätte mich das bestimmt nicht getraut. Um so besser, dass es bei euch so richtig gut ausgegangen ist.

    AntwortenLöschen
  3. @Alle: Mir ist das immer ein bisschen peinlich, aber die beiden haben sich wirklich gefreut, dass ihr Buch einen echten Fan hat.

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

Unleserlich: Das Ebook und die PDF-Pest

Ich versuche gerade die Programmiersprache Python zu lernen und kaufte mir  dafür ein Buch aus einem bekannten Wissenschaftsverlag.  Der Verlag ist so nett und bietet zusätzlich zum Papierbuch kostenlos die Ebook-Variante an, die es gegen einen im Buch abgedruckten Promocode im Onlineshop zum Download gibt. 
Dieses Angebot nahm ich gerne in Anspruch, denn ich habe einen Tolino-Reader, den ich für unterwegs in der Bahn oder im Bus oft mitnehme. Für Texte im EPUB- oder Text-Format ist er sehr gut geeignet, weniger gut gelöst ist allerdings die PDF-Darstellung. Wenn das PDF vom Layout nicht auf das Readerformat angepasst ist, wird das Lesen zur Qual. Das sollte sich jetzt rächen.

Auf meinem Tolino öffnete sich nach dem Download des Python3-Buches leider das Print-PDF: Die Schrift winzigklein, die farbigen Auszeichnungen ein grauer Einheitsbrei. Was in einem relativ großformatigen Buch gedruckt wunderbar funktioniert, das ist am Ebookreader nur noch Augenpulver. Wäre das Buch keine kostenl…

Gesehen & gekauft: Street Photography Now

Mit dem Fotografieren ist es wie mit Fußball, Schreiben, Singen, Tanzen oder einer anderen beliebigen schöpferischen Tätigkeit: Die Ergebnisse werden umso besser, je häufiger man/frau es tut. Oder altdeutsch ausgedrückt: Übung macht die MeisterIn.
Das gilt natürlich auch für die Straßenfotografie, dieses traditionsreiche Feld der Lichtbildnerei mit legendären Vertretern wie Henri Cartier-Bresson und Robert Frank. Doch wie nähert man sich dem Genre Street Photographie, wie fängt man an? Gehe ich einfach raus auf die Straße und schieße dort Leute mit dem Teleobjektiv ab, oder halte ich die Kamera wahllos in x-beliebige Szenen? Natürlich könnte man es machen, wie uns der Schweizer Thomas Leuthard in seinem eBook Collecting Souls rät:
Don’t study the work from the old masters, don’t go into exhibitions and don’t read about photography just go out and shoot in the streets. Nur nicht zu viel lesen und angucken vorher, einfach nur machen, meint er. Das ist natürlich Unsinn und das weiß verm…

Karpfenreportage: Des Franken liebsten Fisch auf der Spur

Manche Fotomotive lassen mich einfach nicht los.

Der fränkische Spiegelkarpfen zum Beispiel fasziniert mich seit meiner Kindheit. Aufgewachsen in einer Gastwirtschaft, wurde ich als kleiner Junge jeden Herbst Zeuge eines wahrhaft gargantuischen Ereignisses – der "Fischpartie" im Gasthaus Bräustübl in einer kleinen fränkischen Marktgemeinde. 250 bis 300 Karpfen von je rund 1,5 kg Gewicht verkaufte meine Großmutter, die legendäre Grete Süß, in halben Portionen innerhalb von 4 Tagen an die hungrigen Gäste.



Ein goldgrüner Karpfen nach dem anderen wurde geschlachtet  Das Bild der Metzgers, der die lebenden Fische in dieser Zeit schlachtete und für die Küche vorbereitete, werde ich nie vergessen. Das stand dieser mächtige, fast zahnlose Mann mit weißer Schürze und blaugestreifer Arbeitskleidung in der Waschküche, die als Schlachthaus diente. Mit präzisen Handgriffen holte er einen goldgrün schimmernden Spiegelkarpfen nach dem anderen aus einer riesigen Zinkwanne, betäubte die zapp…