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Gelesen und besprochen: Die dritte industrielle Revolution

Auweh, was muss ich dieser Tage alles über unsere glorreiche Energiewende lesen. Der Herr Minister Altmaier lässt Billionenkosten für den Umstieg zusammen fantasieren, die Stromkonzerne nutzen das Nichthandeln unserer Regierung, um ordentlich an den Preisen zu drehen. Und von der Kanzlerin ist derzeit nichts zu hören in Sachen Energie. Dabei sollte sie doch die Führerschaft bei der Energiewende übernehmen. Absurd? So dichtete es der US-Amerikanische Berater und Think Tank-Inhaber Jeremy Rifkin im Herbst 2011 Jahren in seinem jüngsten Buch zur “Zukunft der Wirtschaft nach dem Atomzeitalter”. Im November 2011 schrieb ich darüber eine kleine Rezension, an die ich dieser Tage wieder denken musste, als ich so die Berichte zum Energiedurcheinander verfolgte.

Die Rezension erschien im November im Onlinedebattenmagazin Gegenblende, und da ich ein Fan von Recycling bin, veröffentliche ich sie einfach nochmal. Das Buch steht noch immer in meinem Regal und ist zu verschenken. Wer es haben möchte, möge mir eine kurze Nachricht im Kontaktformular hinterlassen; es kommt dann in Kürze frei Haus per Post. Bei mehr als einem Interessenten entscheidet das Los.

Update 15.3: Das Buch ist vergeben. Sobald ich die Adresse habe, macht sich Herr Rifkin auf die Reise zu Mmemne. Viel Spaß bei der Lektüre!

Energiewende: Wenn alles so bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern

Über: Jeremy Rifkin, Die dritte industrielle Revolution. Die Zukunft der Wirtschaft nach dem Atomzeitalter

Lieber Jeremy Rifkin,

wieder haben Sie ein Buch geschrieben, diesmal zum Thema alternative Energien und pünktlich zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse hat es Ihr renommierter Verlag veröffentlicht. Ein Verlag braucht Zugpferde im Programm, Zugpferde wie Sie, die den Zeitgeist erahnen und in Sachbücher für die Bestsellerlisten gießen.

Der Zeitgeist mag die Atomenergie nicht mehr, fossile Brennstoffe sind auch nicht mehr en vogue. Aus guten Gründen: Zwei verheerende Atomunfälle in 25 Jahren und etliche kleinere; hinzukommen rapide sinkende Rohölreserven und die globale Klimaerwärmung. Das sind Argumente genug für einen Wandel hin zu erneuerbaren Energien. Gerade in Europa schnaubt der Zeitgeist verächtlich die Nase über die Ewiggestrigen, die sich noch immer an die fossilen Energieträger klammern. Sie werden nicht müde es stets zu wiederholen: Mit unserer Energieverschwendung wird die Welt in der wirtschaftlichen und ökologischen Sackgasse landen. Steigende Energiekosten seien der wahre Auslöser für den drohenden Kollaps der ganzen Wirtschaft.

Lieber Herr Rifkin, Sie schreiben viele richtige Dinge. Der Höhepunkt der Ölförderung ist überschritten und tatsächlich werden mit steigender Nachfrage die Preise für das Barrel Rohöl wieder in die Höhe schießen. Richtig ist auch, dass die großen Energiekonzerne kein Interesse daran haben, etwas von ihrem Geschäft abzugeben und deshalb auch kaum ein Interesse an einer Konkurrenz durch kleine unabhängige Energieerzeuger aus regenerativen Energien haben. Doch die Grenzen des Wachstums sind erreicht - schreiben sie. Aber das gilt nur für die Wirtschaft, die auf der zweiten Industriellen Revolution basiert, die von Öl und Atom getrieben wird. Sie behaupten auch eine Lösung zu haben wie wir aus diesem Schlamassel herauskommen, in das uns diese Gemengelage aus Atom- und Klimakatastrophe und die Abhängigkeit vom Öl getrieben hat. Sie nennen es die Dritte Industrielle Revolution, die Sie als die Lösung aller Versorgungsprobleme und ihrer Auswirkungen auf Wirtschaft und Umwelt propagieren. In Guiseppe Tomaso di Lampedusas Roman „Der Leopard“ sagt der alternde Fürst Salina  „Wenn alles so bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern“, als ein altes, ausgehöhltes System unter dem Ansturm der modernen Zeit zu wanken beginnt.

Es ist der gleiche Geist, den ich aus ihrem Buch herauslese. Das Wirtschaftssystem stellen Sie nicht infrage, wir müssen nur unsere Energiegewinnung und -verwendung ändern und neue Wege finden, um sie zu verteilen und zu speichern. Auch wenn Sie das nicht eindeutig ausführen, so ist Ihr Buch doch durchtränkt von dem Versprechen, dass die Welt sich weiter drehen wird wie bisher - wenn wir nur von Öl und Atom loskommen. Mit der Energiewende hin zu regenerativen Energien werden Millionen von Arbeitsplätzen entstehen, wenn sich unsere Städte zu einer Ansammlung von Mikrokraftwerken auf Solarbasis transformieren und ein intelligentes, dezentrales und redundantes Speicher- und Verteilungssystem die Energie effektiv, gerecht und krisensicher zu den Verbrauchern bringt. Das Vorbild für ihre Vision ist das Internet.

Bis zu dieser Stelle Herr Rifkin, habe ich ihr Buch eigentlich gerne gelesen, wenn Sie auch nicht verraten, wie das mit der Speicherung und der Vernetzung genau passieren soll. Außer, dass die Regierungen das übernehmen sollen. Als Beispiel nennen sie den Masterplan für die US-Highways - deren Bau in den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Grundlage für den Aufstieg der amerikanischen Mittelschicht im 20. Jahrhundert war, natürlich auf Basis des Erdöls. Das Buch fasst dies gut zusammen und ich habe einiges über die Geschichte der Entwicklung von Autobahnen in den USA gelernt.

Doch jetzt trauen Sie ihrem Land nicht mehr allzu viel zu. Wäre ich antiamerikanisch eingestellt, hätte ich bei der Lektüre bestimmt heftig mit dem Kopf genickt und vielleicht auch ein wenig hämisch gegrinst. Sie blasen Ihren Landsleuten aber auch ordentlich den Marsch, fast scheint es, als würden sie Sie Ihr Land für dessen Ölsucht verachten.

Wir Europäer dagegen werden mächtig gestreichelt: Die Zukunft liegt im Osten, schreiben Sie - und damit meinen Sie nicht China, sondern die EU im Allgemeinen und die Bundesrepublik Deutschland im Besonderen. Fast meint man, im Energiewunderland zu sitzen. Herr Rifkin, das tat meiner von vier Jahren Dauerwirtschaftskrise geschüttelten Seele doch sehr gut. Doch wer soll das alles richten? Wer hat die die Erkenntnis, dass wir alles ändern müssen? Und wer hat die Kraft, das Durchsetzungsvermögen und den Willen es zu tun? Angela Merkel! Ja, ich musste tatsächlich das Buch zweimal lesen, um es zu glauben. Angela Merkel, die Physikerin mit dem grundlegenden Verständnis für die Naturwissenschaft, soll der Energiewende von Europa aus den Weg in die Welt ebnen.

Während Sie in den vergangenen Jahren ihr Buch schrieben, haben Sie aber offensichtlich nicht die Kapriolen unserer schwarzgelben Bundesregierung in Sachen Energiewende mitbekommen: Ausstieg vom Ausstieg aus der Atomenergie. Als dann, im Frühjahr 2011, in Fukushima die Meiler schmolzen, kam die erneute Kehrtwende. Auf einmal spürte die Regierung den heißen Atem der WählerInnen im Nacken. Plötzlich ging alles ganz schnell, innerhalb weniger Tage erkannte Angela Merkel, dass Atomstrom doch nicht so sicher ist. Also Atom weg, Alternative Energien her. Der Ausstieg vom Ausstieg aus dem Ausstieg.

Kraftwerk Rummelsburg von der Spreeseite
Und weiter qualmen fröhlich die Schlote im Großkraftwerk
Mit ihrem Buch sind sie buchstäblich in die Falle der Politik getappt. Keine zwei Monate nachdem Ihr Text erschien, in dem Sie Europa und Angela Merkel die Führerschaft in der Energiewende andichteten, könnte das alles schon wieder Makulatur sein. Die Politik ist vor der Macht der Energiekonzerne wieder einmal einknickt. Ja, es gibt die Förderung für die neuen Energien, aber hiervon profitieren mal wieder die üblichen Verdächtigen: die Konzerne und Großunternehmen, die von den Umlagen für den Ökostrom befreit wurden. Den Großteil der Kosten dafür zahlen die Verbraucher.

Dass die großen Energiekonzerne in Deutschland wieder entlastet werden, weil sie so lange gejammert und gedroht haben, ja, das konnten Sie als US-Energie-Think-Tank auch nicht ahnen. So wird das nichts mit der demokratischen, dezentralen Versorgung mit erneuerbaren Energien in Good Old Germany, die, wie ich Ihr Buch lese, vom Staat, und damit von den Bürgern und Verbrauchern getragen werden soll. Dass das Unternehmen stockt, das liegt nicht daran, dass die Kanzlerin einfach keine Begeisterung für die grüne Wende wecken kann, weil ihr die „Story“ fehlt, mit denen sie die Menschen in Deutschland mitreißen könnte.
Aber das können Sie vielleicht gar nicht wissen. Denn dazu müssten sie auch mal deutsche Zeitungen lesen, deutsches Fernsehen gucken und nicht nur Meetings mit Politikern und Wirtschaftsbossen einberufen, um ihnen die Pläne ihres Think Tanks für die Energieversorgung der Zukunft zu präsentieren.

Wiederum fand ich sehr spannend zu lesen, wie Sie nicht nur eine gute Sache vermarkten, sondern vor allem Mal sich selbst und die Arbeit ihres Think Tanks. Rom, Berlin, Albuquerque - wo es was zu tun gibt, sind sie. Sie schaffen es, dass ganze Regierungen von US-Staaten „ihre Pässe in Ordnung bringen“; sich ins Flugzeug setzen und sich Solarparks in Übersee ansehen. Mit dem Wörtchen „Ich“ geizen Sie nicht gerade in Ihrem Buch und dieses Ich steht meist in Kombination mit bekannten Namen aus der Welt der Politik und Wirtschaft.

Doch eine Frage konnte mir ihr Buch nicht beantworten. Was ist, wenn die Dritte Industrielle Revolution sich ganz anders entwickelt, weil die Energiekonzerne ihre machtvolle Stellung und die gigantischen Renditen nicht aufgeben wollen? Wenn der Umbau nicht geregelt abläuft. Wenn die Bürger nicht bereit sind, wieder die Kosten alleine aufgebürdet zu bekommen, obwohl die Energiekonzerne in Geld schwimmen? Wenn den Staaten das Geld für die Wende ausgeht durch eine Krise, die längst zum Zustand geworden ist?
Revolutionen, auch industrielle, entstehen nicht, weil die traditionellen Eliten das propagieren und Opfer dafür einfordern. Umwälzungen sind unberechenbar. Denn, wenn sich alles ändert, weil es sich ändern muss, wird doch nicht alles so bleiben, wie es ist.

Jeremy Rifkin ist Gründer und Vorsitzender des Thinktanks Foundation on Economic Trends (Washington DC, USA). Er ist Berater diverser Regierungen und der EU-Kommission.

Die dritte industrielle Revolution - Die Zukunft der Wirtschaft nach dem Atomzeitalter 
Campus-Verlag  Frankfurt, New York. 2011.
299 Seiten, 24,99 Euro
ISBN 978-3-593-39452-7


Erschienen im Debattenmagazin Gegenblende 12/2011

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