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Foto vom Bild: Entdecke die Gemäldegalerie Berlin

Gemäldergalerie Berlin
Wer spitzt da über dem Nebeneingang zur Gemäldegalerie durchs Grün? Teilauflösung siehe unten. 

Berliner, auch zugereiste, wohnen bekanntlich dort, wo andere gerne Urlaub machen (würden). Leider geht es mir wie den meisten Menschen, die an begehrten Orten wohnen: von den Sehenswürdigkeiten bekomme ich wenig mit. Nach der Arbeit ist mir meist mehr nach Feierabendgetränk und Nachtmahl als nach Kultur, das Wochenende geht mit so komischem Zeitvertreib wie ausgiebigem Frühstücken, Einkauf und bisweilen auch Wohnungsputz vorbei. Doch JETZT habe ich Urlaub, die restlichen freien Tage vom Vorjahr müssen weg. Also, was tun? Statt wie Lenin über die Partei der Arbeiterklasse zu grübeln, stand mir gestern der Sinn mehr nach einer netten Fotoausstellung. Das derzeitige Angebot konnte mich jedoch nicht besonders locken, auf der Suche nach Alternativen erinnerte sich der kleine Kunsthistoriker in mir, dass es in Berlin eine doch recht grandiose Gemäldegalerie geben soll.

Kulturforum Berlin - Blick zum Eingang
Raumbasis oder apokalyptische Betonwüste? Nein, das ist das Berliner Kulturforum mit der
Gemäldegalerie und ein paar weiteren wichtigen Museen und Ausstellungen.
“Die Gemäldegalerie besitzt eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen europäischer Malerei vom 13. bis zum 18. Jahrhundert, die seit dem Gründungsjahr 1830 systematisch aufgebaut und vervollständigt wurde. Meisterwerke aus allen kunsthistorischen Epochen, darunter Gemälde von van Eyck, Bruegel, Dürer, Raffael, Tizian, Caravaggio, Rubens, Rembrandt und Vermeer sind hier ausgestellt.” (Quelle: Webseite Gemäldegalerie)
In München habe ich die Alte Pinakothek besucht, in Dresden die Staatlichen Kunstsammlungen, aber in bald sechs Jahren Berlin war ich noch kein einziges Mal in der Gemäldegalerie. Schande! Meine Leipziger Professoren mögen mir dieses an sich unentschuldbare Versäumnis verzeihen, schließlich habe ich den Besuch im Kulturforum gestern Nachmittag in aller Eile nachgeholt. Es wird nicht mein letzter bleiben, denn die Ausstellung ist tatsächlich grandios und unübersehbar in ihrer Fülle. So scheußlich und menschenfeindlich die Betonwüste des Kulturforums am Rande des Potsdamer Platzes auf die Besucher auch wirkt, so gelungen ist die Gemäldegalerie als Raum mit ihren Werken.

Folgt man dem angeblich zwei Kilometer langen Rundgang durch die rund vier Dutzend Räume, beginnt man bei der gotischen sakralen Tafelmalerei des 13. Jahrhunderts und landet dann recht schnell bei den altdeutschen Meistern der Renaissance. Hach. Neben den großen süddeutschen Namen wie Dürer, Cranach und Holbein finden sich dort Meister, deren Namen nicht unbedingt zum Wissenskanon gehören. Zum Beispiel der ehrenwerte Christoph Amberger, der Kaiser Karl V. (1500-1558)  um 1532 ganz uncharmant mit ausgeprägter Habsburgerlippe und sichbarer Atemnot malte.

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Nicht hübsch, aber mächtig: Kaiser Karl V., gemalt von  Christoph Amberger  
Den Kaiser scheint es nicht gestört zu haben, denn ansonsten hätte es dieses offizielle und doch so persönlich gezeichnete Porträt vermutlich nicht in die Öffentlichkeit geschafft. In meine etwas willkürliche Auswahl rutschte das kaiserliche Bildnis, weil ich vor Jahren mit dem Potentaten in einem Referat zu tun hatte. Gemeinsame Unizeiten verbinden halt doch und Porträts finde ich generell spannend.

Nun aber doch zum Fotografischen. Ich hatte, wie immer, meine Samsung EX1 in der Tasche und hätte gerne ein paar interessante Gemälde abgelichtet, um sie zu Hause nochmal in Ruhe anzusehen. Vorsichtig fragte ich bei der Aufsicht nach. Zu meiner freudigen Überraschung  ist das kein Problem – ohne Blitz und Stativ darf man/frau nach Herzenslust knipsen und die Bilderschätze virtuell nach Hause nehmen.

Ich stellte auf RAW-Aufnahme und machte einen manuellen Weißabgleich. Mit 200 bis 800 ISO (je nach Motiv) und dem hervorragenden Verwacklungsschutz erzielte ich brauchbare Ergebnisse aus der Hand. Für einen Kunstdruck würde das Ergebnis nicht ausreichen. Für den Hausgebrauch sind die nachbearbeiteten Repros gut genug, auch wenn das Farbrauschen ab 800 ISO nicht mehr zu übersehen ist.

Schön, dass man in Ruhe fotografieren kann, ohne Gedrängel und Generve anderer Besucher. Denn die wenigen Gäste verteilen sich über die riesige Ausstellungsfläche. Oft stand ich alleine oder mit nur einer Handvoll Kunstinteressierter  im Raum. Das gilt auch für weltbekannte Werke wie den  Jungbrunnen Lucas Cranachs des Älteren (1546). Das könnte einem in München oder Dresden nicht passieren; mit Grauen denke ich an die überfüllten Säle und die Menschentrauben vor den “wichtigen” Bildern dort zurück.

Jungbrunnen
Wer würde nicht gerne reinhüpfen: "Der Jungbrunnen" von Lucas Cranach d.Ä.
Ein wunderbares Gemälde, auf dem es eine Menge zu entdecken gibt. Ich habe es in drei Teilen fotografiert und diese mit GIMP zusammengesetzt. Die Überlappung zwischen dem linken und mittleren Abschitt klappte ganz anständig (wer findet die "Schnittkante?), im rechten Teil weichen aber Helligkeit und Kontrast sichtbar ab und auch die Kanten sind vertikal leicht verschoben. Für Photoshop soll es ein Panorama-Plugin geben, das angeblich solche Teile perfekt zusammenbastelt – da ich kein sauteures PS besitze, müssen wir jetzt mit dem Pfusch leben. Was zu verschmerzen ist, denn es geht sowieso nichts über das fast 190 cm breite Original des Jungbrunnens. Jedes Foto kann nur einen laschen Abklatsch bieten. Hingehen und ansehen, das ist ein Bild, das im Original viel Freude macht.

Noch’n Bild. Den Kollegen, der auf dem ersten Foto vom Nebeneingang der Galerie zu uns herüberspitzt, findet man selbstverständlich auch in der Galerie.

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Auflösung vom Anfang: Der Mann, der für die Galerie wirbt, war ein Kaufmann. Wie passend.
Georg Gisze wurde gemalt von Hans Holbein d. J.
Es ist der Kaufmann Georg Gisze, gemalt hat ihn Hans Holbein der Jüngere (1532). Wie schon beim ersten Porträt kommt eine kompakte Kamera bei der Handaufnahme an die Grenzen. Ideal wäre bei dem düsteren Museumslicht ein Stativ, um bei niedrigster Empfindlichkeit eine rauscharme Aufnahme zu bekommen. Außerdem spiegeln sich der Raum und die Besucher grünlich in Schutzglas des Gemäldes. Ein Polfilter könnte das eventuell reduzieren, doch auch der schluckt wieder Licht – keine Chance, das verwacklungsfrei aus der Hand hinzubekommen. 

Ich habe noch einiges mehr fotografiert, will euch aber nicht damit länger langweilen. Ist ja kein Malerblog hier ;-) Schaut sie euch lieber selbst im Original an. Und versucht nicht, alles auf einmal anzusehen – das kann kein Mensch erfassen. Denn wenn man alle Wände abgrast, könnten das am Ende tatsächlich zwei Kilometer Fußmarsch sein – 2000 Meter mit hunderten Ölgemälden, Altarretabeln und ein paar Radierungen.

Auch die Innengestaltung des Gebäudes ist mehr als nur einen Blick wert. Ich hätte nicht gedacht, dass dieser gräßliche Betonverhau mich innen so ansprechen könnte. Leute, lasst die Gemäldegalerie bitte wo sie ist! Denn wenn Berlin einen Neubau plant, geht das sowieso in die Hose. Nachher dauert es wieder 20 Jahre länger als geplant, inzwischen verschwinden die Sachen unerreichbar für die Welt im Depot und niemand hat die Probleme vorher ahnen könnten. Ist doch ganz hübsch, oder?

Gemäldegalerie Berlin - Durchblicke in der Sammlung
Ausstellungsräume in der Gemäldegalerie
Gemäldegalerie Berlin - Zentrale Säulenhalle
Die mächtige Säulenhalle trennt die Galerie der Länge nach in einen nördlichen und südlichen Teil.
Gemäldegalerie Hexagon - Halle mit Eingang zur Galerie, Blick nach Oben
Blick nach oben in der runden Eingangshalle zur Gemäldegalerie. 

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