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Fotospielereien mit Cyanotypie

Brunnen_Sevilla_Cyanotypie Letzthin machte mich ein SpOn-Artikel zu “ifon-Fotos im Blaudruck” auf die Cyanotypie aufmerksam.. Die Ergebnisse sahen interessant aus – allein durch die außergewöhnliche Struktur und Farbe. Natürlich funktioniert Cyanotypie auch ohne ifon. Man kann die Negativ-Vorlagen aus jedem beliebigen Digitalfoto erzeugen. Wer (noch) eine Dunkelkammer hat und gerne mit noch mehr Chemikalien panscht, kann auch aus jedem beliebigen Negativ tolle Vorlagen vergrößern.
Die Verweise im SpOn-Artikel aber kann man ignorieren, im Internet sind umfangreiche und gute Anleitungen frei verfügbar. Nachdem ich wusste, was ich brauche, klickte ich mich erst Mal durch die Onlineshops verschiedener Chemikalien-Lieferanten auf der Suche nach Ammoniumeisen(III)-Citrat und Kaliumhexacyanoferrat(III), kurz Kaliumferricyanid oder Rotes Blutlaugensalz. Diese beiden Eisensalze sind der Ausgangsstoff für eine lichtempfindliche Lösung, mit der sich beliebige saugfähige Untergründe beschichten lassen. Unter UV-Licht wandelt sich das Eisen-III in eine blaue wasserunlösliche Eisen-II-Verbindung um. Super geeignet und ohne weitere Kosten verfügbar ist dafür die Sonne. Es funktioniert am besten bei voller Sonneneinstrahlung in 5 bis 10 Minuten, aber auch bei ganz trübem Wolkenwetter hat unser Zentralgestirn genügend Kraft, dann dauert es etwas 20 Minuten. In der Polarnacht oder im winterlichen Berlin leistet ersatzweise eine kleine Höhensonne gute Dienste, allerdings verlängern sich die Belichtungszeiten dann erheblich.
chemikalienAuf der Suche nach einem Anbieter, der auch kleine Mengen und nicht ausschließlich an Schulen versendet, musste ich eine Weile suchen. Vergangene Woche brachte mir der Paketdienst dann für enorme 9,90 Euro Versandkosten die beiden farbenprächtigen Chemikalien. Vorher musste ich schriftlich beglaubigen, dass ich sie nicht für pöse pöse Zwecke missbrauchen würde. Preisfrage: Welche der beiden Dosen enthält das rote Blutlaugensalz? Bei Boesner kaufte ich für kleines Geld die weiteren Materialien: Kunststoffflaschen zum Ansetzen und Aufbewahren der Lösung, Aquarellpapier im Format 24 x 32 cm, Pinsel zum Auftragen.
Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen (Handschuhe, 25 Watt-Funzel, Gasmaske) mixte ich in der düsteren Küche die beiden Ausgangslösungen, schüttete sie nach Vorschrift zusammen und pinselte die grünbraune Brühe auf ein paar Bögen des hochwertigen Aquarellpapiers (310 g/m2). Anschließend trockneten sie über Nacht in einem dunklen Raum an der Leine. Im Nachhinein stellte sich das als nicht so klug heraus, denn die Stellen, an denen die Wäscheklammern saßen, zeichneten sich später deutlich im Papier ab.
Wie man die Lösung ansetzt und verarbeitet, dazu gibt es sehr gute Seiten im Netz. Ich hielt mich für diesen ersten Versuch an die kurze, klare und vollkommen ausreichende Anleitung von Herbert Frank. Wer es professioneller will, findet in der Beschreibung von Rainer Kassel wertvolle Hinweise. 

Hinweis: Wer es ausprobiert möchte, sollte zur eigenen Sicherheit mit Handschuhen und beim Abmessen des pudrigen Kaliumhexacyanoferrat(III) am Besten mit einem Mundschutz arbeiten. Das sind reizende Stoffe. Berührungen mit der Haut und den Augen solltet Ihr unbedingt vermeiden. Die Lösungen hinterlassen hässliche Flecken auf der Kleidung. 

Und so geht’s:
Aus dem Bild erzeugt Ihr eine kostrastreiche Schwarzweiß-Kopie. Ich verwende dafür das Plugin “Nostalgia Filmsimulation” in Corel Aftershot Pro und simuliere einen alten Fomapan 100. Das Schwarzweißbild invertierte ich mit GIMP und druckte es mit meinem Laser in 600dpi auf kopierfähige Overheadfolie. Natürlich geht auch ein Tintenspritzer, die fertigen Negative sind bestimmt toll. Aber auch teuer. Für meine Versuche reichte mir der Rasterdruck meines kleinen Lasers. Das beschichtete Papier mit dem A4-Foliennegativ legte ich auf eine Hartfaserplatte und fixierte es mit der Scheibe eines Bilderrahmens. Nach 5 bis 10 Minuten in der prallen Sonne kam das Papier in eine Wanne mit fließendem Wasser. Das nicht belichtete grüne Eisen-III wird ausgeschwemmt, übrig bleibt das blaue Positiv.
In der Folge seht Ihr meine Ergebnisse und zum Vergleich die Vorlagen. Den Negativ-Schritt spare ich dabei aus. Der Akt in den Beispielen ist die Ausnahme, denn das Original ist bereits eine Schwarzweißaufnahme (6 x 6 cm).
Brunnen in der Altstadt von Sevilla - Drei Bilder Farbe - Schwarzweiß - Cyanotypie (Blaudruck)
Sevilla, Brunnen in der Altstadt, 2008. Vorlage ist ein gescanntes Farbnegativ (DM oder Rossmann Hausmarke). Rechts unten hat die Wäscheklammer Spuren in der Beschichtung hinterlassen. Interessant: Nach dem Wässern dauerte es eine ganze Weile, bis die feinen Details in den dunklen Stellen, zum Beispiel am Brunnen, sich herausbildeten. Dieses Nachoxidieren lässt sich wohl mit Wasserstoffperoxid beschleunigen. Aber da das Zeug stark bleicht und hautreizend ist, verzichtete ich darauf und ersetzte es durch Geduld.
Ergebnis: Schön blau, überraschend viele Details. Selbst die sechseckigen Lichtreflexionen aus dem Original, eigentlich ein optischer Fehler des Objektivs , sind sichtbar.
Aktfoto - Schwarzweißpositiv- Schwarzweiß-Negativ - Cyanotypie (Blaudruck)
Mein erster und bisher einziger Versuch in der Aktfotografie (analog, irgendwann frühe 90er). Nun ja. Interessant daran aber sind der große Kontrastumfang und die klaren Flächen des Ausgangsbildes. Es ist ein Ausschnitt aus einem SW-Negativ im 6x6cm-Format. Für “richtige” Vergrößerungen ist es nicht mehr geeignet, da ich beim Entwickeln damals wohl geschlampt hatte. Die komischen weißen Streifen am Arm sind so ein sichtbarer Fehler in der Emulsion. Dagegen  bleiben Runzelkorn (Negativ zu kalt zwischengewässert) und kleine schwarze Flecken (Schimmel durch feuchte Lagerung?) in meinem groben Blaudruck komplett unsichtbar.
Ergebnis: Intensive Blautöne. Kleine Fehler verschwinden.
Sevilla Uferpromenade am Guadalquivir- Drei Bilder Farbe - Schwarzweiß - Cyanotypie (Blaudruck) Sevilla, Uferpromenade am Guadalquivir‎, 2008. Digitalfoto
Ergebnis: Hmmm. Ein heller Himmel mit blassen Wolken ist schon mal nachteilig, davon ist in der Cyanotypie kaum etwas zu sehen. Die Stämme der kleinen Palmen sind nur zu erahnen und insgesamt ist der Blaudruck recht blass. Zu kurz belichtet? Irgendwas hat nicht geklappt.
Schild verwittertem Fenster (heute geschlossen) - Drei Bilder Farbe - Schwarzweiß - Cyanotypie (Blaudruck)
Ein Bild (Vorlage Digitalfoto) aus der Heimatdorf-Fotoserie, die (so viel sei verraten) nur ein Zwischenzustand ist und irgendwann in ein kleines Fotobuch gegossen werden soll. Irgendwann ist hoffentlich bald, ich brauche noch 10 bis 20 wichtige Bilder.
Ergebnis: Schöne Details, leider zu blass. Vermutlich habe ich mich beim Zusammengießen der beiden Grundsubstanzen mit dem Verhältnis vertan, als ich Nachschub zum weiteren Papier-Beschichten produzierte. Denn zwei weitere Cyanotypien aus dieser zweiten Serie verschwanden wie von Geisterhand, während das Papier trocknete. Dieser Blaudruck, den ich seeeehr lange belichtete, blieb zu hell und in Teilen fast ohne Zeichnung. Leider gilt das auch für das nächste Beispiel:
Alte Scheune in Franken- Drei Bilder Farbe - Schwarzweiß - Cyanotypie (Blaudruck)Noch ein Bild aus der Serie über das Heimatdorf. Das Digitalfoto hat schöne Kontraste, in der Schwarzweiß-Variante sind die Strukturen des Holzes sehr schön plastisch.
Ergebnis: Auweia. Wo kommt nur der ganze Nebel her? Und was sind das für komische Schlieren am linken Rand? Vermutlich auch ein Ergebnis meiner Schluderei beim Abmessen. Es fehlt eindeutig an Pigmenten. Notiz an mich: Für ein brauchbares Ergebnis bitte auf das genaue Verhältnis der beiden Lösungen achten. Schlamperei rächt sich!
Wäscheleine in der Altstadt von Sevilla -  Drei Bilder Farbe - Schwarzweiß - Cyanotypie (Blaudruck)
Sevilla, 2008, Digitalfoto. Nochmal ein Papier aus der ersten Serie. Herrlich blau, leider ist die Vorlage wenig geeignet. Von den Dachpyramiden im Original ist kaum etwas zu sehen. Der grisselige Streifen über der Wäsche ist allerdings ein Ergebnis meines Laserdruckers. Dem wurde wohl der Toner knapp und dann schmieren die Dinger gerne unvermittelt herum. Ich verbuche es unter der Rubrik „interessant“. Wie auch die Kanten mit den deutlich sichtbaren Pinselstrichen.
Ergebnis: Wieder ein sattes Blau, aber das Motiv gefällt mir für den Zweck nicht so gut.
Fazit: Es hat eine Menge Spaß gemacht! Es erinnerte mich ein bisschen an meine erste Schwarzweißvergrößerung, als auf einmal in der Wanne mit dem Entwicklerbad die ersten Konturen des Fotos erschienen. Einfach spannend, einem Bild bei der Entstehung zuzusehen und mit dem Material zu experimentieren. Die nächste Blaudrucksession kommt bestimmt. Und ich messe dann auch ganz genau ab. Bestimmt!

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