Direkt zum Hauptbereich

12tel Blick: Oh, güldener Oktober

Ich neige zugegebenermaßen bisweilen zu einer gewissen Blumigkeit im Ausdruck und manchmal sogar zu poetischen Anfällen. Berüchtigt sind meine Stegreifgedichte, die ich jedoch nach der Rezitation sofort dem Vergessen anheim fallen lasse, weil ich sie eben nur aufsage, aber nie aufschreibe. Manche behaupten, das sei gut so. Da meine Dichtkunst also offensichtlich nicht generell Freunde findet, verzichte ich hier auf die kleine Herbstode, die mir gerade just in diesem Moment einfiel und ich belasse es bei der Poeterey im Titel. Um zum eigentlichen Thema zu kommen: Es ist Herbst, der Oktober droht in den grauen garstigen November überzugehen und ich habe wieder auf den Auslöser für den 12tel Blick gedrückt.

12 Blick Oktober 2013 Bushäuschen und Kirschbaum

Die großen Ereignisse haben wir wohl hinter uns, jetzt zieht die Routine ein. Das Haus ist fertig gebaut, die Wohnungen zur Straße sind bezogen. Im Altbau daneben scheint die weiße Gießkanne seit Monaten festgewachsen zu sein. Unverdrossen trotzt der Kirschbaum dem Ende der Vegetationsperiode. Er trägt noch immer jede Menge Blätter, während sich die Linden in unserer Straße alle schon nackig gemacht haben. Das Bushäuschen ist endlich wieder in Betrieb und dahinter wartet noch ein letztes Dixi-Klo auf die paar versprengten Bauarbeiter, die noch letzte Hand am neuen Wohngebäude anlegen.

Was wird wohl in den letzten beiden Monaten noch passieren? Im Erdgeschoß links wird ein Tabak-Brötchen-Paket-Zeitschriften-Lotto-Laden einziehen, der Baum kahl werden und dann? Schnee? Dann war’s das auch schon fast mit dem 12tel Blick. Zwei Mal noch, dann starre ich die Szenerie nur noch an, um die Zeit bis zum nächsten 194er Richtung Ostkreuz zu überbrücken. Fehlen werden mir auf jeden Fall die netten Gespräche, die sich immer wieder ergaben, wenn ich mit Kamera und Stativ auf Action vor der Linse wartete ( Er, ca. 10: “Wat fotografierst’n du da? Da is’ doch gar nix”. Er, ca. 70: “Die Kameras sind ja heut ganz anders, früher hatt’nwa ja die Praktica, konnste dir aber och nicht leisten”, Sie, ca. 55, Mundwinkel bis zum Boden: “Wat soll’n dette? Ick will aber nich’ aufs Bild” – Ich:‘Keine Sorge, Sie stehen hinter der Kamera, das Objektiv zeigt in die andere Richtung” –  Sie, Mundwinkel noch tiefer: “…??? Mmmfbllfmmmlmm”)

Na ja, zwei Fotos kommen noch. Ich bin gespannt.

Hier gibt es meine kleine Galerie mit allen bisherigen Bildern. Jede Menge weitere 12tel Blicke findet Ihr wie immer bei Tabea.

Kommentare

  1. Dein Motiv gefällt mir sehr gut...und im Gegensatz zu meinem wird deins immer schöner...;-) LG Lotta.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ach, Schönheit ist doch immer relativ ;-) Ich ärgere mich nur ein wenig über meine Objektivwahl vom Januar, weil mich die verwendete Optik mit ihrem relativ kleinen Bildausschnitt ziemlich eingeschränkt hat. Aber das wollte ich jetzt auch wie geplant durchziehen - und in der Beschränkung liegt ja auch die Chance, sich auf das Motiv zu konzentrieren *rumphilosophier*

      Löschen
  2. Haha, ein schöner Kommentar vor mir.
    Was mir ja fehlen wird, sind die kleinen Geschichten am Rande, vor allem, wenn sie so jahreszeitentauglich vorgetragen sind wie Deine... *hust* ;))
    Ich finde, wir führen den 12tel Blick einfach weiter, oder? Wenn Tabea das nicht sowieso selber machen will.
    LG /inka

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich glaube, dass Tabea schon das nächste Dauerprojekt plant. Aber vielleicht sollten wir unser Motiv tatsächlich weiterhin knipsen. Braucht das dann einen neuen Namen?

      Löschen
    2. ich überlege tatsächlich, ob ich mir ein motiv zulege, dem ich 10 jahre lang treu bleibe ... oder bis ich mal umziehe ... oder bis mein hände verkalken. da könnte dann allerdings mal ein kamerawechsel stattfdinden, in der zeit. meine macht bestimmt keine 50 jahre mehr mit ... deucht mir ...

      tabea grüßt

      Löschen
  3. Ach, schön! Aber wo ist das gelbe Bein?
    Ich habe Dich jetzt auch mal verlinkt.
    Und ich hoffe, das Maschinchen der Oma ist gut angekommen. Grüße an die Liebste!
    LG!
    M

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das Bild mit dem gelben Bein war nicht so gut. Deshalb gibt es ein beinloses Foto.

      Löschen
  4. Haha Ralf...schöne Geschichten!!

    Tolles Bild.

    Grüssli Melli

    AntwortenLöschen
  5. Ein gelbes Bein? Meine Phantasie macht gerade Purzelbäume ;-) Ich finde Dein Motiv total spanned und freue mich jeden Monat auf die Haltestelle. Durch das ganze Baustellenwirrwarr wurde es nie langweilig und man kann sich so schön links und rechts weiterdenken ...

    ... der obere Balkon im neuen Haus hat ja ein Bambusröckchen verpasste bekommen ... ob das den Winter übersteht?

    Weitermachen mit dem Motiv, gern immer, zumal ich am WE erfahren habe, dass die MAGDALENE wieder fährt ....

    LG und eine schöne Herbstwoche
    Aqually

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. :-) Mal sehen ob ich das mit dem gelben Bein noch auflöse... müsste ich eigentlich das Bild auch noch posten. Aber ich habe mir eigentlich ein strenges Regiment auferlegt: NUR ein Bild pro 12tel Blick.

      Löschen
  6. Am meisten habe ich bei deinem Blickwinkel immer darüber nachgedacht, was für Szenen sich wohl während deines Fotografierens abspielen mögen und heute hast du meiner Neugier endlich genüge getan.
    Deine Serie war interessant und Mutter mit Kind ist übrigens immer gut...

    AntwortenLöschen
  7. Oh, heute Foto mit Geschichten drumherum, wie schön... - ja, es sieht jetzt langsam richtig nett aus hier... Aber ein paar Geschichten dürfen gern im November und Dezember noch die Fotos begleiten... (Ich überlege auch, ob ich meine Perspektive weiter "im Blick behalte") Lieben Gruß Ghislana

    AntwortenLöschen
  8. Die Dialoge und Kommentare zu deiner Knipserei sind ja köstlich!
    Ich warte schon gespannt auf die Weihnachtsdeko in den Fenstern an der Bushalte.
    Grüße, Ulrike

    AntwortenLöschen
  9. Am wundervollsten diesmal (abgesehen von Deinen überraschenden Geständnissen zu poetischen Adern und heiteren Anekdoten aus dem Fotografen-Alltag) der hier geglückt getroffene Moment einer Mutter-und-Kind-Kommunikation. So schön, wie sie sich ansehen. Man hat gleich zig Gesprächsvarianten im Kopf, die hier gerade stattfinden könnten. Welches Werbeplakat wohl beim nächsten Mal in der Bushaltestelle versuchen wird, unseren Blick von allem anderen ab- und zu sich hinzuwenden?

    AntwortenLöschen
  10. so ein stativ macht schon was her, gell. wenn ich da stehe und aus der hüfte heraus nen foto schieße, dass findet heutzutage ja niemand mehr sonderbar.

    dein foto wirkt aufgeräumt. und das die kirsche da so mitmacht ... hatte ich schon erwähnt, dass unsere schon vor monaten ihre blätter verloren haben. fast gleichzeitig mit ihren unreifen kirschen.

    mutti und kind. sich unterhaltend. auch schön.

    liebe grüße . tabea

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

Gesehen & gekauft: Street Photography Now

Mit dem Fotografieren ist es wie mit Fußball, Schreiben, Singen, Tanzen oder einer anderen beliebigen schöpferischen Tätigkeit: Die Ergebnisse werden umso besser, je häufiger man/frau es tut. Oder altdeutsch ausgedrückt: Übung macht die MeisterIn.
Das gilt natürlich auch für die Straßenfotografie, dieses traditionsreiche Feld der Lichtbildnerei mit legendären Vertretern wie Henri Cartier-Bresson und Robert Frank. Doch wie nähert man sich dem Genre Street Photographie, wie fängt man an? Gehe ich einfach raus auf die Straße und schieße dort Leute mit dem Teleobjektiv ab, oder halte ich die Kamera wahllos in x-beliebige Szenen? Natürlich könnte man es machen, wie uns der Schweizer Thomas Leuthard in seinem eBook Collecting Souls rät:
Don’t study the work from the old masters, don’t go into exhibitions and don’t read about photography just go out and shoot in the streets. Nur nicht zu viel lesen und angucken vorher, einfach nur machen, meint er. Das ist natürlich Unsinn und das weiß verm…

Unleserlich: Das Ebook und die PDF-Pest

Ich versuche gerade die Programmiersprache Python zu lernen und kaufte mir  dafür ein Buch aus einem bekannten Wissenschaftsverlag.  Der Verlag ist so nett und bietet zusätzlich zum Papierbuch kostenlos die Ebook-Variante an, die es gegen einen im Buch abgedruckten Promocode im Onlineshop zum Download gibt. 
Dieses Angebot nahm ich gerne in Anspruch, denn ich habe einen Tolino-Reader, den ich für unterwegs in der Bahn oder im Bus oft mitnehme. Für Texte im EPUB- oder Text-Format ist er sehr gut geeignet, weniger gut gelöst ist allerdings die PDF-Darstellung. Wenn das PDF vom Layout nicht auf das Readerformat angepasst ist, wird das Lesen zur Qual. Das sollte sich jetzt rächen.

Auf meinem Tolino öffnete sich nach dem Download des Python3-Buches leider das Print-PDF: Die Schrift winzigklein, die farbigen Auszeichnungen ein grauer Einheitsbrei. Was in einem relativ großformatigen Buch gedruckt wunderbar funktioniert, das ist am Ebookreader nur noch Augenpulver. Wäre das Buch keine kostenl…

NaPoBloMo Folge 17-20: Ein Ausflug nach Leipzig. Oder nach „Hypezig“?

Es waren dreizehn Jahre, die ich in Leipzig gelebt habe. Es war eine wunderbare Zeit, vor allem am Anfang, 1994, bis in die frühen Nullerjahre. Eine Stadt, in der so viel passierte, obwohl oder gerade weil sie so kaputt war.

Dann, fast unmerklich passierte es, schien die Luft raus diesem wilden Pleiße-Ort, Müdigkeit schlich sich ein. Vielleicht lag es auch daran, dass mein Studium vorbei war, fast alle lieben, coolen, spannenden, anregenden Menschen, die Leipzig während unseres Studiums mit zu diesem prickelnden Ort gemacht hatten, weg waren. Das Studium beendet, in die Welt aufgebrochen, um zu arbeiten, weiter zu studieren, zu verschwinden, irgendwo zu heiraten und Kinder zu kriegen, in Dresden zu stranden, was auch immer. Dann ging ich auch fort, um aber etwa einmal im Jahr aus Beingründen vorbeizuschauen und so konnte ich dem alten Leipzig zusehen, wie es sich herausputzte, im Zeitraffer quasi.


Manche Sachen bekommt man aber doch nicht mit. So hörte ich vergangenes Jahr, es hieße…