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"Schweine befreien" - Ein Krimi über Suff, Fußball und Journalismus in der deutschen Provinz

Neulich verschlug es mich mit der Liebsten in den Buchladen am Bayerischen Platz zu einer Lesung, die eigentlich keine war. Denn vorgelesen wurde relativ wenig, dafür unterhielten sich Buchhändlerin Christiane Fritsch-Weith und Jörg Sundermeier, Chef des Verbrecher-Verlags, überaus erfrischend und unterhaltsam über Bücher, Lieblingsautoren und übers Büchermachen. Ein literarisches Duett, das mir sofort Appetit auf das Verbrecher-Verlag-Portfolio machte. Denn Sundermeier stellte seine Lieblinge voller Enthusiasmus vor, verhaspelte sich vor Erfurcht, als er ein von ihm verlegtes Gedicht von Georg Kreisler vortrug und sprach mit einer solchen Zuneigung von seinen Autorinnen und Autoren, dass ich mit dem festen Vorsatz die Buchhandlung verließ, ein paar der Werke zu lesen. Das Ziel des Abends war aus Buchhändlersicht somit eindeutig erreicht.

Fotografie: Buch Schweine befreien


Ich stöberte in den nächsten Tagen durch die Webseite des Verbrecher-Verlags, fand auch die Sundermeierschen Favoriten, stieß dann aber auf ein Buch, das der Verlagschef an dem Abend nicht vorgestellt hatte, dessen Klappentext mich aber sofort ansprach:
Grabowski, 35, Teilzeitjournalist und semiprofessioneller Trübsalbläser, hat ein Problem. Nein, einen Sack voller Probleme! Ist er im Suff etwa Zeuge eines perfiden Verbrechens geworden? Oder ist es jetzt schon so weit, dass er sich ins Delirium getrunken hat? Warum taucht an jeder Ecke seine Exfreundin mit diesem furchtbaren Künstler auf? Und woher kommen die Schmerzen?
[...]

Ein ironischer Kriminalroman über Fußball, Provinz und die ewige Suche nach einem besseren Leben – und gleichzeitig der erste Roman des 11Freunde-Redakteurs Jens Kirschneck!
Da kannst du nichts falsch machen, dachte ich mir: Krimi, Fußball, Suff in der Provinz und dann auch noch die Arbeit eines 11Freunde-Schreibers, das muss mich packen. Nun sind schreibende Journalisten nicht automatisch der Garant für packende litararische Texte, aber von einem Redakteur der 11Freunde erwarte ich mir doch einiges. Ist die Zeitschrift doch das einzige Fußballmagazin in diesem Land, das ohne dumpf-kritikloses Fan-Tum und die üblichen Plattitüden der Branche auskommt und außerdem alle journalistischen Textsorten enthält, die die ergrauten Platzhirsche der Sportpresse konsequent meiden.

Den Titel fand ich auch klasse: "Schweine befreien" sprach sofort meine bäuerliche Seele an, mein Kleinkind-Ich, das vor Jahrzehnten allabendlich staunend vor dem Schweinekoben eines befreundeten Kleinbauern in unseren Dorf (Provinz!) stand und den gierig schmatzenden Säuen beim Fressen zusah.

Außerdem arbeitete ich ebenfalls einige Jahre als unterbezahlter Teilzeitjournalist für eine Heimatzeitung. An den Sonntagen saß ich an zwei Telefonen, um die Spielergebnisse unterklassiger Ligen entgegenzunehmen und die Fantasieberichte der Vereinsbeauftragten in 10-Zeiler umzudichten ("...hämmerte das Leder nach einem punktgenauen Pass vom Spielmacher Melichar unhaltbar für Keeper Flory ins rechte Eck..."). Genügend Berührungspunkte, als dass das Buch eine eine Chance gehabt hätte, mir nicht zu gefallen.

Was es dann auch tat. Und jetzt stehe ich vor einem Dilemma. Denn im Grunde kann ich ohne zu spoilern nichts zusätzlich zu dem schreiben, was auf den Seiten des Verlags und in der Spiegelrezension sowieso zu lesen wäre.

Deshalb lasse ich es bleiben und beschränke mich darauf, eine Leseempfehlung abzugeben. Warum?
  • Wegen des trockenen Humors, seines Sprachwitzes und weil es gut geschrieben ist.
  • Die Liebe zum Fußball, aber auch die tiefe Verzweiflung über die Stümperei in den Vereinsführungen durchtränkt das ganze Buch.
  • Wer bisher geglaubt hat, Sportjournalismus bei Provinz- und Anzeigenblättern wäre ein Spaß und man könne davon leben, lernt hier die ganze bittere Realität über prekäre Schreiberjobs kennen. 
  • Der größte Teil von Deutschland ist Provinz, und hier hat sie ihren angemessenen literarischen Platz gefunden.
  • Hier wird gesoffen, wie in diesem Land die Leute saufen. Und geraucht. Alle quarzen wie die Schlote, so wie das früher auf dem Dorf (hier in der Provinzstadt) normal war. Ungeschönte Realität, schön so was zu lesen.
  • Das Buch macht Spaß bis zum Ende. Auch wenn es nur ein halber Krimi ist. Aber der halb abgestürzte Kleinstadtschreiber mit Geldproblem ist eben kein Philipp Marlowe, alles andere wäre auch unglaubwürdig.
  • Ich möchte jetzt nach Split.
Zu meckern habe ich natürlich auch was. Ohne geht ja nicht. Im Buch kommen sehr viele Personen vor, die dann oft nur eine Randexistenz führen. Und zwar so randständig, dass ich manchmal tatsächlich aufs Personenregister zurückgreifen musste, um nicht den Faden zu verlieren. Bei der geheimnisvollen Frau, in die sich Antiheld Grabowski verguckt, zieht sich der Autor am Ende etwas taschenspielerhaft aus der Affäre. Da wäre mehr drin gewesen. Auch über Grabowskis Eltern hätte ich gerne mehr gewusst, obwohl die Geschichte auch so funktioniert.

Vielleicht schreibt Jens Kirschneck ja einen weiteren Grabowksi-Roman; zu erzählen gäbe es noch eine Menge. Auch die Provinz hat ihre Geschichten... Was wurde aus Toni? Hat Marco in Split sein Glück gefunden? Und was macht eigentlich Astrid, die nach dem Verlust von Marco und ihrer Katze einen neuen Lebensinhalt sucht? Wird Grabowski im Suff versinken oder schafft er den Sprung in ein weniger vom Alkohol durchgetränktes Leben, vielleicht bei einem progressiven Fußballmagazin in einer aufregenderen Stadt? Fragen, auf dich ich Antworten suche.

Herr Kirschneck, übernehmen Sie! Aber schicken Sie bitte niemanden mehr im Jahr 2001 mit  386er PCs ins Internet. Das kann man nicht einmal dem ärmsten Schluckern unter den Freien mehr zumuten.

Infos zum Buch

Jens Kirschneck: Schweine befreien
Taschenbuch, 328 Seiten
Preis: 14,00 Euro
ISBN: 9783957321978
Verbrecher Verlag 2016

Kommentare

  1. Vielen Dank für das Ausgraben und Vorstellen dieses Buches. Nicht nur will ich das unbedingt lesen, ich glaube, das Buch wird sich auch prima für einige anstehende Geburtstagsgeschenke eignen.
    LG
    Wiebke

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    1. Ich kann es dir gerne leihen. Finden wir eine Gelegenheit für die Übergabe?

      LG
      Ralf

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    2. Oh gerne. Ich bin gerade dauernd unterwrgs, aber ich melde mich.
      LG

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