Direkt zum Hauptbereich

Büroalltag: Kleingärtnern in der Hitzehölle

Ein Büro ist eine recht standardisierte Umgebung. „Meins“ (es gehört ja nicht wirklich mir) hat die übliche Ausstattung aus grauem Nadelfilzteppich, beigen und grauen Möbeln und weiß gestrichenen Strukturtapeten an der Wand.

Grandios ist allerdings der Blick aus dem Fenster – im Sommer schaue ich direkt ins dichte Laubwerk einer mächtigen TraubenStieleiche; in ihren nackigen Monaten gewährt sie mir Aussicht auf die umliegenden Bürogebäude.

Gut fürs Gemüt

Die große Pflanze vor dem Bürofenster ist zwar nett, aber ich wollte in dem ganzen Grau auch wieder ein paar grüne Kumpels haben, nachdem das Fensterbrett lange Zeit einen traurigen Anblick geboten hatte. Der Arbeitsalltag lockert sich doch ein wenig auf, wenn man nach langen Stunden am Computer dem Kaktus über das Stachelkleid schrabben kann. Die Erkenntnis, dass Zimmerpflanzen gut fürs Gemüt sind und im Grunde jedes Büro welche braucht, wurde mir jedoch nicht in die Büromenschenwiege gelegt.


Echinocactus grusonii, besser bekannt als Goldkaktus alias "Schwiegermuttersitz" und der Geldbaum Crassula Ovata finden sich bisweilen auf Bürofensterbrettern vergesellschaftet.
Jahrelang hatte ich zwei verwachsene Geldbäume auf dem Fensterbrett vernachlässigt, die immer kurz vor dem Exitus standen. Bei den zähen Pflanzen will das was heißen. Einen nahm ich zur Rekonvaleszenz nach Hause und päppelte ihn wieder auf. Übrig blieb das einsame Erbstück einer Kollegin, eine verkrüppelte Crassula, eingepfercht in einen viel zu kleinen Topf mit wasserabweisender faseriger Torferde. Natürlich ist das Fensterbrett mit seiner irren Sonneneinstrahlung ein harter Standort. Südost, 6. Stock – im Sommer brennt die Sonne bis zum frühen Nachmittag unbarmherzig durchs Fenster und erzeugt ein Kleinklima wie im Tal des Todes.
Nichts für Weicheier.
Geldbäume sind also generell keine schlechte Wahl. Aber man muss sich doch ein wenig um die hilflosen Geschöpfe kümmern.

Neuanfang mit einem Kaktus

Mein Wandel zum ambitionierten Bürogärtner begann, als ich eines morgens auf dem Weg zum Bus den kleinen Goldkugelkaktus bei meinem netten vietnamesischen Blumenhändler entdeckte. Für 3,80 Euro konnte ich nicht widerstehen. Als nächstes bekam der Geldbaum eine Rosskur. Mit neuem Pflanzkasten und umgestaltet im Pseudobonsai-Stil macht er – bzw. machen sie, denn tatsächlich wurden aus einem Geldbaum vier – eine ganz gute Figur.

Noch schüchtern und verletzlich sind die kleinen Dattelpalmen von der Art Phoenix dactylifera. Jahrelang lagen die Samen in der Schublade, nach drei Wochen Keimzeit spitzt es heraus.
Als ich vor ein paar Wochen meine Schreibtischschubladen aufräumte, entdeckte ich dann fünf Dattelsamen, die ich da vor Jahren mal reingelegt haben musste. Der Bürogärtner in mir wurde sofort aktiv: Nach einem Wochenende in lauwarmen Wasser und einem Monat in feuchter Erde spitzten am St. Patricks-Tag die die ersten kleinen Dattelschößlinge heraus. Mal sehen, wieviele zukünftig meinen kleinen Bürogarten bereichern werden.

Die Welt brennt und ich zeige hier Fotos von Zimmerpflanzen? Ja, das muss auch mal sein. Denn auch wenn ich auf meine grünen Freunde verzichtete, so bliebe die Welt trotzdem verrückt.

Kommentare

  1. Durch schlechte Erfahrungen in meiner Kindheit waren mir Kakteen lange Zeit verhasst. Bis der kleine Sohn sich von seinem Taschengeld bei einem Schulfest kleine Miniaturkakteen kaufte. Obendrein bekam er ein Tütchen Kakteensamen geschenkt, die wir erfolgreich aussäten. Über die Erfolge können wir uns bei Gelegenheit gerne mal austauschen!

    AntwortenLöschen
  2. Das ist doch toll! Ich werden über mein Fensterbrett weiter bloggen; du wirst also sehen, was noch passiert.

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

Karpfenreportage: Des Franken liebsten Fisch auf der Spur

Manche Fotomotive lassen mich einfach nicht los.

Der fränkische Spiegelkarpfen zum Beispiel fasziniert mich seit meiner Kindheit. Aufgewachsen in einer Gastwirtschaft, wurde ich als kleiner Junge jeden Herbst Zeuge eines wahrhaft gargantuischen Ereignisses – der "Fischpartie" im Gasthaus Bräustübl in einer kleinen fränkischen Marktgemeinde. 250 bis 300 Karpfen von je rund 1,5 kg Gewicht verkaufte meine Großmutter, die legendäre Grete Süß, in halben Portionen innerhalb von 4 Tagen an die hungrigen Gäste.



Ein goldgrüner Karpfen nach dem anderen wurde geschlachtet  Das Bild der Metzgers, der die lebenden Fische in dieser Zeit schlachtete und für die Küche vorbereitete, werde ich nie vergessen. Das stand dieser mächtige, fast zahnlose Mann mit weißer Schürze und blaugestreifer Arbeitskleidung in der Waschküche, die als Schlachthaus diente. Mit präzisen Handgriffen holte er einen goldgrün schimmernden Spiegelkarpfen nach dem anderen aus einer riesigen Zinkwanne, betäubte die zapp…

Fotospielereien mit Cyanotypie

Letzthin machte mich ein SpOn-Artikel zu “ifon-Fotos im Blaudruck” auf die Cyanotypie aufmerksam.. Die Ergebnisse sahen interessant aus – allein durch die außergewöhnliche Struktur und Farbe. Natürlich funktioniert Cyanotypie auch ohne ifon. Man kann die Negativ-Vorlagen aus jedem beliebigen Digitalfoto erzeugen. Wer (noch) eine Dunkelkammer hat und gerne mit noch mehr Chemikalien panscht, kann auch aus jedem beliebigen Negativ tolle Vorlagen vergrößern.
Die Verweise im SpOn-Artikel aber kann man ignorieren, im Internet sind umfangreiche und gute Anleitungen frei verfügbar. Nachdem ich wusste, was ich brauche, klickte ich mich erst Mal durch die Onlineshops verschiedener Chemikalien-Lieferanten auf der Suche nach Ammoniumeisen(III)-Citrat und Kaliumhexacyanoferrat(III), kurz Kaliumferricyanid oder Rotes Blutlaugensalz. Diese beiden Eisensalze sind der Ausgangsstoff für eine lichtempfindliche Lösung, mit der sich beliebige saugfähige Untergründe beschichten lassen. Unter UV-Licht wand…

Mittelalterliches Bilderrätsel: Wer ist der Reiter der Apokalypse?

An Gästebüchern von Museen und Ausstellungen kann ich einfach nicht vorbeigehen, ohne wenigstens ein bisschen darin zu blättern. Diese Schwarten sind so was wie das Äquivalent  der Kommentarfunktion in Blogs: jeder kann unerkannt und unzensiert seine Meinung abgeben. Alles ist vertreten: Allgemeinplätze, fachkundiges Lob, provokatives Getrolle, hirnbefreites Gemotze, freundliche Bemerkungen.

Gerne in Domen zu finden: Bildergeschichten von Mord und Totschlag. Die Auflösung gibt es weiter unten.

Letzthin las ich im Gästebuch an der Pforte des Doms zu Brandenburg an der Havel folgenden Eintrag, vermutlich von einem Kind:
Ich fand es langweilig. Dome finde ich im Allgemeinen nicht so interessant. Da scheint jemand nicht von der allgemeinen Mittelalterbegeisterung infiziert worden zu sein. Aber es stimmt schon. So ein Dom ist objektiv betrachtet auf den ersten Blick nicht viel mehr als ein riesiger Steinhaufen mit Fenstern, Säulen, Pfeilern. Schlecht beleuchtet und miserabel beheizt sind …