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Karpfenreportage: Des Franken liebsten Fisch auf der Spur

Manche Fotomotive lassen mich einfach nicht los.

Der fränkische Spiegelkarpfen zum Beispiel fasziniert mich seit meiner Kindheit. Aufgewachsen in einer Gastwirtschaft, wurde ich als kleiner Junge jeden Herbst Zeuge eines wahrhaft gargantuischen Ereignisses – der "Fischpartie" im Gasthaus Bräustübl in einer kleinen fränkischen Marktgemeinde. 250 bis 300 Karpfen von je rund 1,5 kg Gewicht verkaufte meine Großmutter, die legendäre Grete Süß, in halben Portionen innerhalb von 4 Tagen an die hungrigen Gäste.

Gebacker Karpfen auf Teller, dazu als Beilage Kartoffelsalat.
Spiegelkarpfen fränkisch: Gebacken mit Kartoffelsalat. Diesen hier gab es nach dem Abfischen für die Helfer. Er war köstlich.


Ein goldgrüner Karpfen nach dem anderen wurde geschlachtet 

Das Bild der Metzgers, der die lebenden Fische in dieser Zeit schlachtete und für die Küche vorbereitete, werde ich nie vergessen. Das stand dieser mächtige, fast zahnlose Mann mit weißer Schürze und blaugestreifer Arbeitskleidung in der Waschküche, die als Schlachthaus diente. Mit präzisen Handgriffen holte er einen goldgrün schimmernden Spiegelkarpfen nach dem anderen aus einer riesigen Zinkwanne, betäubte die zappelnden Tiere mit einem mächtigen Hieb auf den Kopf und beförderte sie mit einem schnellen Schnitt hinter die Kiemen ins Jenseits. Längst halbiert, gepfeffert, gesalzen und in Mehl gewendet, wurde der Karpfen frittiert – kaum eine halbe Stunde war seit der Schlachtung vergangen, wenn der Karpfen serviert oder zum Mitnehmen eingepackt wurde.


Panorama Fischweiher, Szenen beim Fischen, Karpfen in der Wanne, Karpfen kommen in einen Tank
Karpfenabfischen in Mittelfranken. Nachdem der Himmelsweiher (er hat keinen Abfluss, sondern speist sich ausschließlich aus Regenwasser) abgelassen wurde, sammeln sich die Karpfen an den tiefen Stellen. Dort werden sie mit dem Kescher eingefangen.


Mit der Kamera das erste Mal beim Abfischen

Obwohl es in der Umgebung meines Heimatdorfes viele Karpfenweiher gab und gibt ("Teich" sagen bloß Zugereiste und Preußen ;), war ich nie als Helfer beim Abfischen dabei. Ehrlich gesagt hatte es mich nie wirklich interessiert, wie die Fische den Weg vom Weiher zu uns fanden. Dass ich den Fisch mit Kartoffelsalat auf dem Teller hatte, reichte mir vollkommen aus,

Das änderte sich, als ich mit dem Fotografieren anfing. Meine journalistische Neugier erwachte Anfang der 90er Jahre wagte ich mich zum ersten Mal an eine kleine Bildreportage zum Thema Karpfen.

Nach dieser ersten Fotostrecke wollte ich das Fischen unbedingt wieder mit der Kamera begleiten. Doch inzwischen lebte ich weit weg vom Karpfenland, und es kam immer etwas anderes dazwischen, wenn der befreundete Landwirt an im November das Wasser abließ. So waren schließlich mehr als 20 Jahre vergangen, als im Herbst vergangenen Jahres wieder mit der Kamera am Ufer des großen Himmelsweihers stand.

Karpfen im überfüllten Wassertank
Schnell füllen sich die Tankanhänger mit Karpfen, bis zum Rand stapeln sich die Fische.


Die Helfer stehen bis zu den Hüften im eisigen Wasser

Diesmal wurden die zweijährigen Karpfen aus dem großen flachen Aufzuchtweiher in die Winterung umgesetzt. Stundenlang standen die Helferinnen und Helfer im eisigen Wasser und fingen die Karpfen mit Keschern, wuchteten die schweren Wannen zu den Tanks befördert und fuhren sie zu ein paar kleineren Weihern ein paar 100 Meter entfernt, wo sie umgeschaufelt und gezählt wurden. 




Karpfenfischen mit dem Netz, ein kleiner Waller (Wels), Männer die zum Weiher gehen, Karfen springen aus dem Tank auf die Wiese, Feierabend- die Fischer fahren mit dem Traktor zurück zum Hof.
Mit dem Netz ziehen die Helfer die Karpfen in den restlichen Wasserbecken zusammen. Neben Karpfen finden sich auch immer wieder andere Fische im Aufzuchtweiher. Der Wels ernährt sich von Fischbrut. Karpfen sind unvernünftig: wenn der Tank sehr voll ist, springen sie auch schon mal raus, um dann festzustellen, dass es auf der Wiese für sie nicht sehr gemütlich ist. Aber es war kühl und feucht, so dass die Fische auch längere Zeit auf dem Trockenen aushalten. Nach Stunden harter Arbeit geht es endlich nach Hause.
Am Ende gab es für alle Helferinnen und Helfer zur Belohnung ein Festessen mit gebackenen Karpfen, die frisch aus dem Weiher auf Tisch kamen. Und bevor jemand schreit "Igitt, die schmecken doch nach Schlamm"  – nein, taten sie nicht. Der halbe "Gebackene" auf dem ersten Foto mundete mir ganz ausgezeichnet.

Demnächst bin ich vielleicht wieder mit der Kamera dabei, wenn die Karpfen im April aus der Überwinterung geholt und an Züchter verkauft werden. Bis September legen sie dann nochmal ordentlich Gewicht zu, und landen dann in den Gaststätten der Region auf dem Teller.




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