Direkt zum Hauptbereich

Unleserlich: Das Ebook und die PDF-Pest

Ich versuche gerade die Programmiersprache Python zu lernen und kaufte mir  dafür ein Buch aus einem bekannten Wissenschaftsverlag.  Der Verlag ist so nett und bietet zusätzlich zum Papierbuch kostenlos die Ebook-Variante an, die es gegen einen im Buch abgedruckten Promocode im Onlineshop zum Download gibt. 

Dieses Angebot nahm ich gerne in Anspruch, denn ich habe einen Tolino-Reader, den ich für unterwegs in der Bahn oder im Bus oft mitnehme. Für Texte im EPUB- oder Text-Format ist er sehr gut geeignet, weniger gut gelöst ist allerdings die PDF-Darstellung. Wenn das PDF vom Layout nicht auf das Readerformat angepasst ist, wird das Lesen zur Qual. Das sollte sich jetzt rächen.

EBookreader auf Buch
Größenvergleich: Die gleiche Seite im Ebook und im Papierbuch. Was gedruckt gut funktioniert, ist im Ebook leider nur noch Augenpulver.

Auf meinem Tolino öffnete sich nach dem Download des Python3-Buches leider das Print-PDF: Die Schrift winzigklein, die farbigen Auszeichnungen ein grauer Einheitsbrei. Was in einem relativ großformatigen Buch gedruckt wunderbar funktioniert, das ist am Ebookreader nur noch Augenpulver. Wäre das Buch keine kostenlose Dreingabe, so hätte ich es wohl sofort zurückgegeben und die Geld-zurück-Garantie in Anspruch genommen. 20 Euro für ein PDF sind mir eindeutig zu viel, wenn ich es nicht wie geplant nutzen kann.

Ist EPUB ein Problem für die Verlage?

Also schrieb ich dem Verlagssupport, und fragte, warum es denn kein ePub gebe. Das sei doch das ideale Format. Darauf bekam ich folgende Antwort, die ich in Ausschnitten zitieren möchte.
Als Besitzer eines Tolino, sollte man wissen, dass PDFs nicht wirklich geeignet sind.
Ach.  Letzteres wusste ich schon, deshalb fragte ich ja nach dem ePub. Tatsächlich sind PDFs auf der Mehrzahl der Ebook-Reader mit Epaper-Anzeige eher unkomfortabel zu lesen. Weiter heißt es:
Hätten sie also nur das eBook (ePub und/oder PDF) kaufen wollen, hätten sie bereits auf der Internetseite gesehen, dass es nur das PDF Format gibt.
Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Soll es das heißen? Woher soll ich außerdem wissen, dass das Download-PDF nicht an mobile Geräte angepasst wurde. Der Begriff "Ebook" ist anscheinend nur ein verlagsinternes Synonym für die digitale Druckvorlage, in der vielleicht die Grafiken von der Größe ein bisschen heruntergerechnet wurden.
Für die schlechte Darstellung von Fachbüchern im PDF-Format kann der Verlag nichts, hier müßte Tolino vielleicht mal nachbessern.
Ja, der Tolino ist tatsächlich etwas sperrig bei PDFs; er kann sie zwar als Text extrahieren, aber das ergibt dann eine unformatierte Zeichenwüste und es lassen sich weder Lesezeichen setzen, noch merkt sich der Reader, wo wir gerade zuletzt gelesen haben.  Bleibt man im PDF-Reader und vergrößert den Ausschnitt auf augenfreundliche Größe, muss man diesen umständlich verschieben, um die Seite komplett lesen zu können. Das nervt mich derart, dass ich darauf lieber verzichte. Mein alter Sony, den ich wegen anderer Macken aussortierte, war da tatsächlich besser.

PDF vs. EPUB  = Fachbuch vs. Belletristik?

Aber die eigentliche Ursache für das mangelnde Nutzererlebnis ist noch immer das PDF. Als Printformat wurde es von Adobe zu allererst für den Druck, nicht für Geräte mit wechselnden Anzeigeformaten entworfen. Ich dachte immer, gängige Layoutprogramme wie Indesign würden inzwischen mit ein paar Klicks aus der gleichen Quelle alle möglichen Formate auswerfen – und damit auch EPUB. Offenbar ist das nicht ganz so problemlos und vor allem kostenneutral möglich. Warum sonst würden die Verlage darauf verzichten?
Das Gerät wurde weniger für Fachbücher und PDF entwickelt, sondern für den Belletristikmarkt.
Sehr kreative Antwort. PDF ist also was für Fachbücher, EPUB das Format für Belletristik? Dumm nur, dass es Fachbücher, gerade im Programmierbereich, auch als EPUB gibt. Zum Beispiel auch die komplette Python-Dokumentation auf python.org. Es  geht also.
Auf Tablets und Handys funktionieren PDFs sehr gut, da diese Geräte viel schneller sind und damit das Scrollen auch viel flüssiger funktioniert.
Hallo!? Dass es sich durch PDFs langsamer blättert  und scrollt (was nicht wirklich der Fall ist, außer es sind Grafikscans im PDF-Container), damit könnte ich leben. Aber ich kann das nicht oder nur extrem umständlich LESEN. Und auf Smartphones lässt sich ein PDF zwar gut blättern und der Textausschnitt scrollen, aber möchte man sich tatsächlich auf dem Handydisplay durch ein solches Buch arbeiten? Vielleicht mit Aufstecklupe, aber die könnte ich mir dann auch auf den Ebookreader klemmen. Ein Tablet habe ich nicht.

Kaufverhinderung durch PDF?

Im Grunde verhindert der Verlag also, dass man die möglichen Vorteile eines digitalen Buches nützt:  Durch das Epaper ist es extrem lesefreundlich, für Blindfüchse wie mich mit vergrößerbarer Schrift, die Laufzeit schlägt jedes Notebook und Handy um Längen, es ist klein und leicht, ich kann Lesezeichen einfügen, habe ein Wörterbuch für englische Fachtexte und wenn ich es aus der Onleihe bequem von zuhause ausleihen kann oder es mir per Webshop auf den Reader lade, dann spare ich mir auch noch den Weg zur Bibliothek oder in die Buchhandlung.

EBooks auf dem Deutschen Buchmark 2015
Grafik: Börsenverein des Deutschen Buchhandels / Veröffentlicht unter CC BY-SA 4.0

2015 waren weniger als 5 Prozent der in Deutschland verkauften Bücher Ebooks – mit solchen Produkten dürften die Verlage diese Quote mühelos halten. Man könnte meinen, dass da Absicht dahinter steckt. Denn wenn die Verlage ein Interesse hätten, mehr Ebooks zu verkaufen, würden sie doch alles dafür tun, oder?

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Gesehen & gekauft: Street Photography Now

Mit dem Fotografieren ist es wie mit Fußball, Schreiben, Singen, Tanzen oder einer anderen beliebigen schöpferischen Tätigkeit: Die Ergebnisse werden umso besser, je häufiger man/frau es tut. Oder altdeutsch ausgedrückt: Übung macht die MeisterIn.
Das gilt natürlich auch für die Straßenfotografie, dieses traditionsreiche Feld der Lichtbildnerei mit legendären Vertretern wie Henri Cartier-Bresson und Robert Frank. Doch wie nähert man sich dem Genre Street Photographie, wie fängt man an? Gehe ich einfach raus auf die Straße und schieße dort Leute mit dem Teleobjektiv ab, oder halte ich die Kamera wahllos in x-beliebige Szenen? Natürlich könnte man es machen, wie uns der Schweizer Thomas Leuthard in seinem eBook Collecting Souls rät:
Don’t study the work from the old masters, don’t go into exhibitions and don’t read about photography just go out and shoot in the streets. Nur nicht zu viel lesen und angucken vorher, einfach nur machen, meint er. Das ist natürlich Unsinn und das weiß verm…

NaPoBloMo Folge 17-20: Ein Ausflug nach Leipzig. Oder nach „Hypezig“?

Es waren dreizehn Jahre, die ich in Leipzig gelebt habe. Es war eine wunderbare Zeit, vor allem am Anfang, 1994, bis in die frühen Nullerjahre. Eine Stadt, in der so viel passierte, obwohl oder gerade weil sie so kaputt war.

Dann, fast unmerklich passierte es, schien die Luft raus diesem wilden Pleiße-Ort, Müdigkeit schlich sich ein. Vielleicht lag es auch daran, dass mein Studium vorbei war, fast alle lieben, coolen, spannenden, anregenden Menschen, die Leipzig während unseres Studiums mit zu diesem prickelnden Ort gemacht hatten, weg waren. Das Studium beendet, in die Welt aufgebrochen, um zu arbeiten, weiter zu studieren, zu verschwinden, irgendwo zu heiraten und Kinder zu kriegen, in Dresden zu stranden, was auch immer. Dann ging ich auch fort, um aber etwa einmal im Jahr aus Beingründen vorbeizuschauen und so konnte ich dem alten Leipzig zusehen, wie es sich herausputzte, im Zeitraffer quasi.


Manche Sachen bekommt man aber doch nicht mit. So hörte ich vergangenes Jahr, es hieße…