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Faszination Porträtfotografie: Die Austellung als Prozess – „Sofort Bild Portrait“ in der Kommunalen Galerie Berlin

Sofortbildkamera SLR 680 in der Kommunalen Galerie Berlin in der Ausstellung "Sofort Bild Werkstatt"

Wahrscheinlich ist das Abbild des menschlichen Gesichts eines der ältesten fotografischen Genres. In seiner digitalen Form könnte das Selbstporträt inzwischen den Eiffelturm als meistfotografiertes Motiv abgelöst haben. Denn dank Instagram und Whatsapp werden nach meiner Schätzung jede Sekunde 7,66765 x 10⁹ Duckfacebilder und Selfis in die digitalen Speicher dieser Welt hochgeladen. Dass Porträts trotz dieser Bilderinflation noch faszinieren, zeigt ein Projekt des Fotografen Oliver Blohm in der Kommunalen Galerie Berlin. Dafür braucht er nur zwei Dinge: Zeit und eine vor dem Aussterben gerettete Technik.

FrüherTM war das Sofortbild, als es noch Polaroid hieß, der Inbegriff der schnellen Fotografie. „Sofort“ ist natürlich ein relativer Begriff. Denn nach dem Belichten des Polaroidfilms dauerte es etliche Minuten bis das langsam sichtbar werdende Bild ausentwickelt war. Aber in einer Zeit, in der Negative noch mittels Chemie zeitaufwendig und mit viel Gestank und Flüssigkeit aus entwickelt und am Ende noch in einem Kopierverfahren vergrößert werden mussten, war das Polaroid tatsächlich gefühlt „sofort da“.

Die ganze Geschichte vom Aufstieg und Untergang dieser Technik muss ich hier nicht erzählen, das haben andere schon umfassend getan. Jedenfalls wären das Polaroidverfahren und die Produktionsmaschinen um ein Haar von der Digitalfotografie für immer ausgelöscht geworden. In letzter Sekunde konnten sie von der Firma Impossible gerettet werden. Soweit in kürzester Kürze.

Schachteln mit Impossible Sofortbildfilm in der Kommunalen Galerie Berlin
Fast wäre das Polaroidverfahren für immer verloren gewesen. Impossible hat es gerettet und sponsert jetzt das Projekt „Sofort Bild Porträt“ mit seinen Filmen
Und hier schließt sich der Kreis zu Oliver Blohm und seinem Projekt „Sofort Bild Portrait“ in der Kommunalen Galerie Berlin. Dort wächst nämlich in den kommenden Wochen Shooting für Shooting, Sofortbild für Sofortbild, eine Ausstellung aus Sofortbild-Porträts, für die Impossible das Material sponsert.

Raum mit Menschen und Foto
Die Kommunale Galerie Berlin ist bis 4. Juni Projektraum und Fotostudio für Oliver Blohm.
Vergangenen Dienstag, am 25. April, wurde die Ausstellung in der Kommunalen Galerie eröffnet, ausgestattet mit nicht mehr als einem Grundgerüst an Porträts und einem provisorischen Fotostudio. Zielsetzung und Konzept des sehr interessanten Projektes musste man sich mehr oder minder aus den Flyertexten, der Ankündigung auf der Webseite und den ausgestellten Fotos selbst zusammenreimen. Denn von den Eröffnungsredner/-innen kamen kaum nur ein paar allgemeine Begrüßungsworte und wenig mehr als eine vage Andeutung des Themas. Ich kam mir vor, als hätte ich mich in eine Insiderveranstaltung von lauter alten Bekannten verirrt, die des ganzen offiziellen Traras nach hunderten von Eröffnungen müde sind.

Lustlose Einführung

Jeden Anschein von inhaltlicher Tiefe vermied auch Norbert Wisneth, Leiter von Photowerk Berlin, einem Foto-Workshopanbieter, der in Zusammenarbeit mit der Kommunalen Galerie den Projektraum betreut. Herr Wisneth setzte offenbar voraus, dass die Gäste Blohms Werdegang und Werk bereits kannten; zur Sofortbildfotografie und der Idee hinter dem Projekt hatte er kaum etwas (Technik), bis nichts (Projektkonzept) zu sagen. Das kann man so machen, aber etwas mehr Enthusiasmus und inhaltliche Vorbereitung hätte ich schon erwartet, wenn jemand als Kurator auftritt und mit „Es spricht“ auf dem Einladungsflyer angekündigt wird.

Großbildkamera von vorne
Ein Teil der Porträts entsteht mit dieser Großformatkamera
Interessant wurde es, als es an den praktischen Teil ging. Oliver Blohm verloste nämlich drei Porträtaufnahmen von und mit den Gästen. Was dann passierte, das war überaus spannend.

Der eingeforene Moment

Neben einer Polaroid SLR 680 hatte Oliver Blohm eine Großformatkamera aufgebaut, mit der wohl ein Großteil der Porträts in den kommenden Wochen entstehen wird. An den drei Losgewinnern konnten wir verfolgen, wie Oliver Blohm arbeitet. Ich hatte noch nie zuvor zugesehen, wie Porträtaufnahmen mit einer Großformatkamera für Bilder im Format 8 x 10 Inch (ca. 20 x 25 cm) entstehen. So wurde mir als Beobachter die Langsamkeit, Ruhe und Genauigkeit bewusst, die diese Technik vom Fotografen erfordert und die natürlich auch den Charakter der Porträts entscheidend formt.

Fotograf fotografiert Frau auf Stuhl mit Großbildkamera
Wer mit Großbild arbeitet, konzentriert sich auf das eine Bild.
Erst wird die zu porträtierende Person buchstäblich ins Scheinwerferlicht gesetzt, Blohm überprüft die Beleuchtung, korrigiert sie gegebenfalls. Dann ein Blick auf die Mattscheibe, er stellt die Entfernung ein, ändert gegebenfalls noch einmal die Beleuchtung oder die Position der Kamera. Und dann dirigiert er das Model vor der Kamera in die gewünschte Haltung. „So bleiben, nicht mehr bewegen” – das ist das Kommando, die Person auf dem Hocker erstarrt. Jetzt verschwindet der Fotograf unter einem schwarzen Tuch, stellt im Dunkel auf der Mattscheibe die exakte Schärfe ein. Er schiebt die Kassette mit dem Sofortbild in die Kamera, kontrolliert nochmal Blende und Verschlusszeit und drückt den Drahtauslöser. Kaum hörbar klickt der Verschluss, die Porträtierten atmen auf.

Konzentration auf das Klick des Auslösers

Von Platznehmen bis zum Klicken des Verschlusses sind vielleicht 5, vielleicht auch 10 Minuten vergangen. Und dann hat der Fotograf genau EIN Bild. Eingefrorene Zeit, die im Entwicklungsprozess in den nächsten Minuten langsam sichtbar wird. Die dunkle Fläche wird langsam heller, Konturen und Flächen entstehen, werden Sekunde um Sekunde deutlicher, bis die Metamorphose endlich zum Stillstand kommt. Bei Abzügen von Negativen hat man über die verwendete Chemie und Zeit Einfluss auf diesen Prozess, beim digitalen Bild sind der Nachbearbeitung durch Software kaum Grenzen gesetzt.

Am Ende steht ein unbearbeitetes Einzelstück

Das alles fällt beim Sofortbild weg: Man kann nur abwarten, bis die Entwicklung abgeschlossen ist. Und wenn sie endet, das bestimmt die vorkonfektionierte Chemie im Filmpack.

Damit ist jedes Sofortbild ein in seinem Entstehungsprozess konfektioniertes, aber am Ende unveränderliches vollkommen authentisches Unikat – vergleichbar einem Gemälde, einer Postkarte oder einer historischen Handschrift.

Ein analoges Foto aus herkömmlichen Negativfilm entsteht aus dem Umkehrprozess – ist damit also in verschiedenartigen Ausprägungen vervielfältigbar.
Vier Sofortbilder auf einem Tisch
Die Sofortbilder im Format 8 x 10 Inch (ca. 20 x 25 cm). Das bläuliche ist noch im Entwicklungsprozess.
Die so entstandenen Porträts sind durch die Aufnahme mit der Großformatkamera spiegelverkehrt, die geringe Tiefenschärfe des Großformats verstärkt noch die sphärische Weichheit, die so typisch für Sofortbilder ist. Durch das lange Stillhalten und die Konzentration auf den Moment des Auslösen, scheinen die Fotografierten geheimnisvoll, fast entrückt. Aber das sollte sich jeder selbst im Projektraum ansehen – Fotos sind zum Angucken da, nicht zum Beschreiben. Sonst würde der Fotograf ja schreiben, nicht fotografieren.

Prozeßcharakter sichtbar machen

Dazu kommt, dass sich Kunst nicht erklären muss, wie ich finde. Sie soll ja aus sich heraus zu uns sprechen. Im Idealfall entdeckt jeder Betracher darin etwas anderes. Mir gefällt das Projekt sehr;  dahinter steckt vielleicht die Idee, das Prozesshafte der analogen Sofortbildfotografie (man weiß nie, was rauskommt) in einer sich prozesshaft entwickelnden Ausstellung abzubilden (man weiß nie, was am Ende an den Wänden hängen wird). So wie das Sofortbild sich langsam vor unseren Augen entwickelt, so entsteht langsam ein Gesamtbild aus vielen, in einem ebenfalls langsamen Fotoprozess enstandenen Porträts.

Dazu kommt noch, dass der Fotograf mit Leuten arbeitet, die er in der Regel vorher nicht kennt. Denn jede/r kann per Email sich für ein Porträt bewerben, wenn ich es richtig verstanden habe, geht es nach Reihenfolge der Anfrage und nach verfügbaren Plätzen; es ist also vollkommen zufällig, wer in Blohms Sammlung aufgenommen wird.

So einzigartig wie diese Fotos sind, wird auch die Ausstellung sein. Denn die Bilder können erworben werden – die Porträtierten haben ein Vorkaufsrecht. Da es keine Kopien gibt,wird die Exposition niemals wieder mit dem gleichen Bildbestand wiederholt werden können. Sie bleibt also für immer eine einzigartige Momentaufnahme.

Am 14. Mai veranstaltet Oliver Blohm ein Werkstattgespräch in der Kommunalen Galerie, am 4. Juni schließt die Ausstellung mit einer Finissage. Ich werde hoffentlich dabei sein und mich von dem Ergebnis überraschen lassen. Und empfehle natürlich dringend, ab und zu in der Galerie vorbeizuschauen, um die Ausstellung wachsen zu sehen.

Oliver Blohm: Sofort Bild Portrait
Kommunale Galerie Berlin  
 26. April bis 4. Juni 2017Werksgespräch am 14. Mai, 14 Uhr. 

Dienstag bis Freitag, 10-17 Uhr, Mittwoch bis 19 Uhr 
Sonntag 11-17 Uhr

Der Eintritt ist frei

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